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Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

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Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
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„Als Scheich Abu Saìd, einer der berühmtesten Sufis des elften Jahrhunderts, einmal nach Tus kam, strömten in Erwartung seiner Predigt so viele Gläubige ins Derwischkloster, dass kein Platz mehr blieb. ‚Gott möge es vergeben‘, rief der Platzanweiser: ‚Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.‘ Da beendete der Scheich die Versammlung, bevor sie begonnen hatte. ‚Alles, was ich sagen wollte und sämtliche Propheten gesagt haben, hat der Platzanweiser bereits gesagt‘, gab er zur Erklärung, bevor er sich umwandte und das Derwischkloster verließ: ‚Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.‘“

Kermani zu El Grecos "Abschied Jesu von seiner Mutter" Mit dieser kurzen Episode aus seinem Roman „Dein Name“ (Seite 902) ließ der Kölner Orientalist und Schriftsteller Navid Kermani die Auftaktveranstaltung des Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“ ausklingen, zu der das Kolleg am 15. November 2012 auf den Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt geladen hatte. Vor rund 100 interessierten Zuhörern eröffnete Kermani im Wechselspiel zwischen Lesung aus seinem Werk, der Betrachtung berühmter Mariendarstellungen und dem Gespräch mit dem Frankfurter Religionsphilosophen Thomas M. Schmidt höchst anregende Perspektiven auf Religion in Kunst und Alltag.

Warum beispielsweise hat El Greco eines seiner Bilder „Jesu Abschied von seiner Mutter“ genannt, wo es doch auch als Bild zweier Liebender gesehen werden könnte? (Vgl. hierzu auch Kermanis Artikel in der Zeit v. 12.07.2012.) Was ist das für ein Mensch, den Caravaggio kopfüber auf dem Balken liegend für die Kirche Santa Maria del Populo in Rom gemalt hat und den der Titel des Werkes dem (religiös interessierten?) Betrachter als Petrus ausweist? Diesen ungewohnten Fragen ging Kermani in ebenso ungewohnter wie anregender Weise nach, indem er Texte aus seinem Roman „Dein Name“ vor den auf Leinwand projizierten Meisterwerken vorlas. Besser: er ließ die Personen in seinem Werk über die Bilder sprechen, um dann im Dialog mit Thomas M. Schmidt das Gespräch zwischen Bild und Romanfigur auf die Religionsphilosophie auszuweiten.

Navid Kermani im Gespräch mit Thomas M. SchmidtDen Zuhörern öffnete sich so ein weites Feld zwischen christlich geprägter Kunst und islamisch geprägter Betrachtungsweise, zwischen theologisch-philosophischer Reflexion und Schilderungen aus dem prallen, intensiv beobachteten und treffend ins Wort gefassten Leben, zwischen Nachdenklichkeit und Lebensfreude, Melancholie und Hoffnung. Indem Kermani durch den ungewohnten Blick auf „religiöse Kunst“ implizit die Frage aufwarf, wo denn darin genau das Lebendige zu finden sei, zeigte sich, dass genau dieses Leben – sei es melancholisch durchwachsen oder hoffnungsfroh erfüllt – immer auch von Religiosität durchzogen ist. Die Lebenden brauchen aber eine Sensibilität dafür, genauso wie der Kunstkenner eine Sensibilität für das Leben hinter der Patina des großen Meisterwerks braucht. Von diesen (religiös) Sensiblen, so Kermani, gebe es heute nicht mehr viele. Es lohne kaum, sie noch in verschiedene Religionen zu sortieren. Vielmehr würden heute Orte wichtig, an denen sie (gemeinsam) ihre Sensibilität leben könnten, beten könnten.

Solche Orte, so zeigte der Abend mit Kermani, kann ein Muslim auch in der christlichen Kunst finden beziehungsweise ein christlicher Zuhörer in der Lesung eines muslimischen Autors. „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.“

(Markus Müller)

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