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Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

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Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
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Summer School 2012 in Istanbul

Neue MoscheeWelche Funktion haben theologische Autoritäten heute (noch)? Wie treten sie auf? Wie veränderte sich ihre Rolle im Laufe der Geschichte? Wie lässt sich theologische Autorität theoretisch fassen? Diesen Fragen gingen die Mitglieder des Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“ während der Summer School vom 9. bis 14. September 2012 in Istanbul nach. Istanbul, die Stadt am Bosporus zwischen Europa und Asien, ist nicht nur ein Umschlagplatz „östlicher“ und „westlicher“ Kulturen, sondern auch eine Schnittstelle der Religionen: Neben der reichen muslimischen Tradition, die sich stärker als in den arabischen Ländern auch als „Brücke“ in die westliche Kultur versteht, gibt es eine nicht weniger traditionsreiche jüdische Gemeinde und eine kleine orthodoxe Minderheit, die aber auf eine umso bedeutendere Geschichte zurückblicken kann.

Gastvortrag von Prof. Stichel (Darmstadt) über die Hagia Sophia.Zur Vorbereitung der Reise wurde ein thematisch und topographisch vorbereitendes Kolloquium organisiert. Die thematische Vorbereitung bestand in einer Einführung aus der Disziplin der Philosophie in das Begriffs- und Methodensetting zur Analyse des Problems von Autorität. Die topographische Vorbereitung bildete ein Gastvortrag des Darmstädter Archäologe Prof. Dr. Rudolf Stichel über sein Spezialgebiet, die Hagia Sophia. Stichel zeigte anhand digitaler Rekonstruktionen der antiken Bausubstanz, wie die mathematischen Berechnungen des Architekten mit den theologischen Dimensionen des Kirchenraums konvergieren, und ein Gebäude resultiert, das Kaiser Justinian in der gefeierten Liturgie quasi als Bühne für seine Selbstinszenierung als byzantinischer Kaiser und religiöse Autorität nutzte.

Besichtigung der Hagia SophiaIn Istanbul begann die Summerschool mit einem Besuch des Zentrums für Islamforschung (İSAM) mit seiner großen Fachbibliothek (350.000 Bände) und seinen zahlreichen Forschungs- und Publikationsprojekten (darunter die Pflege von öffentlich zugänglichen Fachdatenbanken und die Herausgabe von Fachzeitschriften und Buchreihen, z.B. auch die auf 40 Bände angelegte Encyclopedia of Islam). Am zweiten Tag veranstalteten wir einen gemeinsamen Studientag mit der Theologischen Fakultät (İlahiyat Fakültesi) der Universität Istanbul, bei dem zunächst der Dekan der Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Şinasi Gündüz, eine Einführung gab, und dann in abwechselnden Referaten, jeweils mit Diskussion, Dozenten und Studenten der Istanbuler Fakultät und die Stipendiaten unseres Graduiertenkollegs verschiedene Aspekte des Rahmenthemas „Theology as a Scientific Discipline“, jeweils in bezug auf den eigenen Forschungsschwerpunkt oder das eigene Projekt, erörterten. Treffen mit dem Oberrabbiner von IstanbulAm dritten Tag besichtigten wir, den Vortrag von Prof. Stichel vertiefend, die Hagia Sophia, und widmeten und dann in einer Studieneinheit unter der Leitung von Dr. Britta Müller-Schauenburg noch einmal der Rolle und religiösen Autorität der byzantinischen Kaiser in zeitgenössischen theologischen Diskursen und der zeitgenössischen Historiographie, und, im Vorausblick auf den Besuch der Chora-Kirche, Texten der orthodoxen Theologen Gregorios Palamas (1296/7–1359) und Theodoros Metochites (1270–1332). Am vierten Tag besuchten wir religiöse Autoritäten aus den drei abrahamitischen Religionen. Den Auftakt bildete ein Gespräch mit dem Oberrabbiner von Istanbul, İsak Haleva, im Oberrabbinat im Stadtteil Beyoğlu. Ein von herzlicher Offenheit geprägter Austausch Besichtigung der nahegelegenen Italienischen Synagoge (Kal de los Frankos) rundete den Besuch ab. Mittags waren wir zu Besuch im Ökumenischen Patriarchat, wo uns der Athener Theologieprofessor Dr. Konstantinos Delikostantis empfing und einen interessanten Einblick in die politische und theologische Situation und in die Autoritätskonzeption der byzantinischen Orthodoxie geben konnte.

Auf dem Gelände der Fatih Moschee trafen wir schließlich abends den Präsidenten für religiöse Angelegenheiten (Diyanet İşleri Başkanlığı) der Türkei, Prof. Mehmet Görmez. Am letzten Tag der Summerschool konnte man das Freitagsgebet, den Gottesdienstes (zum Fest Kreuzerhöhung) im ökumenischen Patriarchat und das Chora-Kloster besuchen.

Treffen mit dem Religionspräsidenten

Das erste interne Kolloquium im Wintersemester 2012/13 am 23. Oktober 2012 diente zum Sammeln und Diskutieren der mitgebrachten Eindrücke. Es zeigte sich, wie deutlich geworden war, wie zentrale theologische Konzepte oder Begriffe, die der Legitimation von Autorität und Normativität dienen – etwa „Offenbarung“ oder „Schriftauslegung“ – in den verschiedenen religiösen Traditionen auf sehr unterschiedlichen Ebenen verankert, und wurden bzw. werden und unterschiedlich reflektiert und systematisiert werden. Auch, wenn sich strukturelle Ähnlichkeiten oder vergleichbare Denkmuster abzeichnen – der Weg zu einer präzisen Begrifflichkeit, die der Problematik gerecht wird, ohne die gewachsenen Unterschiede unbesehen einzuebnen, ist weit. Umgekehrt wurde uns bewusst, wie groß die Chance ist, in unserem Graduiertenkolleg einen Denkraum zu etablieren, der sich auf diesen Weg einlässt.

(Britta Müller-Schauenburg)