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KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordination:

Corinna Sonntag


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 1, IG

Norbert-Wollheim-Platz 1
60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus
Norbert-Wollheim-Platz 1
60629 Frankfurt am Main
Raum: NG 1.713 und IG 1.511

 

C. Sonntag: 069 798 33366

Sprechzeiten:

Di 11-13 Uhr

Do 11-13 Uhr

Facebook-Seite des GRK






Bericht zum Programmpunkt "Podiumsdiskussion " am 11.10.2019 von 10.30h - 12.30h

Zum Abschluss des Winterblockseminars wird eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Die eingeladenen Sprecherinnen und Sprecher werden gebeten, ins Gespräch zu kommen und unter Beteiligung der Kollegiatinnen und Kollegiatin weitere Fragestellungen bezüglich der Reflexivität von Religion in Geschichte und Gegenwart zu diskutieren.

Die Sprecherinnen und Sprecher sind Frau Omerika, Herr Ansorge, Herr Wriedt und Herr Schmidt. Die Moderation übernimmt die Kollegiatin Frau Dükan. Die einzelnen Positionen sollen nun in Kürze mit ihren jeweiligem Problemhorizont vorgestellt werden:

Frau Omerika vertitt die Position, dass die Bedeutung einer Islamischen Theologie als Wissenschaft jeweils aus ihrer historischen Ausgangssituation und der damit verbundenen, genuinen Genese ermittelt werden muss. Die Theologie selbst sei historisch und entspringe den jeweiligen ideengeschichtlichen Konstellationen. Während die christliche Theologie sehr früh eine akademische, selbst-säkularisierende Phase einleite und mit dieser Entwicklung eigene Kategorien entwerfe, sei die Geschichte des Islam nicht mit dieser selbstsäkularisierenden Phase zu vergleichen. Gegenwärtig weise der Institutionalisierungsversuch einer Islamischen Theologie viele Potentiale der Selbstreflexion auf, die von den angehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zuerst auf die, speziell den Islam betreffenden, historischen und inhaltlichen, Voraussetzungen hin untersucht werden sollen. Auch sollen die vorherrschenden, islamischen Lehrmeinungen auf ihre Begründbarkeit und Legitimität hin geprüft werden.

Herr Ansorge vertritt die Annahme, dass eine Theologie als Wissenschaft“ (besonders die christliche) sich vor allem an die Voraussetzungen halten müsse, die sie sich selbst setzt. Zu diesem Punkt kommt die Frage auf, inwiefern eine bekenntnisförmige Sicht der Theologie dazu beitragen kann, die reflexiven Strukturen einer Gesellschaft zu untersuchen. Darüber hinaus wird auch darüber diskutiert, ob es einer angehenden Theologin bzw. einem angehenden Theologen daran gelegen sein muss, ein Bekenntnis zum eigenen Glauben abzulegen. Gerade hier kommen die verschiedenen Meinungen zutage: auf der einen Seite wird betont, dass die Wissenschaftlichkeit einer Theologie sich eben nicht über den "Glauben" behauptet und auf der anderen Seite darauf aufmerksam gemacht, dass eine theologische Disziplin zumindest die eigenen Voraussetzungen ernst nehmen muss.

Herr Wriedt stellt in einem kurzen Abriss zur Entwicklung von Theologie in Kirche und Gemeinde vor und erläutert, wie die jeweiligen, theologischen Aushandlungsprozesse innerhalb der Kirche auch immer einen Effekt auf das Gemeindeleben hatten. Diese lebensweltliche Perspektive sei, seines Erachtens, durch historische Arbeit genauer in den Blick zu nehmen. Diesbezüglich sollen die Fragen nach der Aktualität von Traditionsbeständen innerhalb eines theologischen Kanons behandelt werden, die nicht nur die Dogmengeschichte berücksichtigen, sondern auch die reelle Anwendbarkeit bestimmter theologischer Ideen und deren Legitimität für die Gegenwart. Wie äußern sich, fragt Herr Wriedt, bestimmte theologische Vorstellungen, die auf Traditionen begründet sind, heute? Können Sie für gegenwärtige, christliche Gemeinden überhaupt noch einen existenziellen Erfahrungssinn vermitteln?

Herr Schmidt schließt an diese Überlegungen an und fragt weiter, wie eine binnentheologische Perspektive, die sich auf die christliche Kultur beschränkt, in der Lage sein kann, Antworten auf die Frage nach der generellen Bedeutung von Reflexivität und Religion für eine Gesellschaft zu geben? Wie kann demnach eine theologische Innenperspektive überhaupt eine wissenschaftliche Geltung erlangen, die ja darauf angewiesen ist, möglichst objektiv und rational begründbar zu sein? In diesem Problemhorizont wird erstmal festgehalten, dass nicht die klassischen Fragen der Theologie als Grundlage einer "Theologie als Wissenschaft" gelten müssen (zum Beispiel die Frage, wie man das Wirken und Handeln Gottes im Menschen bzw. in menschlichen Gemeinschaften nachvollziehen kann), sondern vielmehr die Frage nach den praktischen Folgen der Reflexivität von Religion und Gemeinschaft. Solche Fragestellungen können letztlich auch nur mithilfe von handlungstheoretischen Analysen bearbeitet werden, weil sie die konstitutiven Verhältnisse von Glaubenspraxis und lebensweltlichen Erfahrungen fokussieren und den Einfluss religiöser Selbstbeschreibung als Rationalisierungsprozesse einer modernen Gesellschaft aufzeigen. In der Handlungsanalyse werden eben jene Dimensionen von Religion ersichtlich, die als Reflexivitätsstrukturen in lebens- und wissensgenerierenden Prozessen einer Gesellschaft schon eingeschrieben sind.

Zur abschließenden Frage, wie eine Analyse durchzuführen ist, die sich beispielsweise auf die Frage nach der säkularen Bedeutung von Religion im Rahmen einer "Theologie als Wissenschaft" konzentriert, wird schließlich noch einmal resümiert, warum eine, an wissenschaftlichen Fragestellungen orientierte Theologie, sich erst dann als plausible wissenschaftliche Bemühung erweist, wenn sie sich, über eine theoretische, literaturwissenschaftliche oder philosophische Arbeitsweise hinausgehend, auch stets auf die empiristische (konstitutive) und glaubenspraktische Dimension von Religion bezieht.

 

Beitrag von Prof. Wriedt

Markus Wriedt, einer der beiden Sprecher des Graduiertenkollegs und Professor für Kirchengeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, stellte im Rahmen der grundsätzlichen Darlegung der unterschiedlichen Sichtweisen der beteiligten Fachdisziplinen auf die komplexe Grundproblematik von ‚Theologie als Wissenschaft‘ die historiographische Perspektive vor, wie diese auch in den ursprünglichen, von der DFG bewilligten Antrag eingegangen war.

Neben einem historischen Abriss des Verständnisses von Theologie zeigte Herr Wriedt ebenfalls auf, wie ein historiographischer Zugriff auf Theologie plausibel durchgeführt werden kann und unter welchen Rahmenbedingungen dieser unterliegt.

Dabei legte er besonderes Gewicht auf den Fokus der Kirchengeschichte auf theologiegeschichtliche Konfliktmomente und die Formen von deren Aushandlung. Dies ergebe sich aus einer Erkenntnis von historischer Lehrfestlegung als Folge von Lehrdiskussionen, im Gegensatz zur Annahme spontaner, Durchsetzungskraft entwickelnder Postulate. Zugrunde liege hier ein Verständnis, das Theologie als Feld (P. Bourdieu) oder Raum (M. Löw) begreife und Theologie grundsätzlich als einen Prozess stetiger Anpassung und Bewertung von Lehrinhalten an die jeweilige Gegenwart begreife und daher weitgehend als diachron verstanden werden müsse.

Die theologische Wissenschaft war in funktionaler Hinsicht zunächst in anderen Formen von Wissenstraditionen präsent (vera philosophia) und entwickelte sich fortan vor allem im Kontext von Universitäten. Mit dem Auftreten aufklärerischer Strömungen wurde das Traditionsargument zugunsten vom Bezug auf die Gegenwart als Prüfkategorie abgelöst. Nichtsdestotrotz entzögen sich diverse Formen von Theologie dem klassischen wissenschaftlichen Schema der Neuzeit. Die Reformation bedeutete in dieser Hinsicht einen Wandel von Theologie auch zur Professionalisierungsdisziplin, was letztendlich eine utilitaristische Neuinterpretation statt der freien Spekulation der mittelalterlichen Tradition darstellte. Der Wandel zur Anwendungswissenschaft sei folglich mit einem stetigen Bedeutungsverlust der Theologie als universitärer Leitwissenschaft einhergegangen.

Eine wichtige Schlussfolgerung der Ausführungen war, dass der Diskursraum Theologie sich seine Parameter selbst schaffe. Konsequent müsse Theologie als Wissenschaft vor allem als eine kommunikative Aushandlung von Wahrheit begriffen werden, die mit anderen wissenschaftlichen Diskursen verschränkt sei.

Im Anschluss an die Ausführungen entspann sich eine angeregte Diskussion unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Winterblockseminars über die historische Entwicklung von Theologie im akademischen Kontext und ihrer dortigen Verortung in der Gegenwart.