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KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordination:

Dr. Eva Bucher

Corinna Sonntag


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

PA-Gebäude, Hauspostfach 25

Norbert-Wollheim-Platz 1
60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IKB-Gebäude
Eschersheimer Landstraße 121
60322 Frankfurt am Main
1. OG, Raum 1560 

 

Dr. E. Bucher: 069 798 33388

C. Sonntag: 069 798 33366

Sprechzeiten:

Di 11-13 Uhr

Do 11-13 Uhr

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Treffen mit den Vorsitzenden Bruno Karsteni und Julia Christ des Instituts LIER

Wer sind die Gastgeber des LIER?:

Das interdisziplinäre Zentrum für die Untersuchung der Reflexivität (LIER, interdisziplinäres Laboratoire d'études sur les réflexivités) ist eine neue Forschungseinheit der School for Advances Studies in Social Sciences (EHESS, Ecole de Hautes Études en sciences sociales) in Paris.

Als Gastgeber für das Treffen mit dem GraKo standen die Projektleiter Bruno Karsenti (Soziologe, Philosoph und Direktor von EHESS) und Julia Christ (Philosophin und wissenschaftliche Mitarbeiterin) zur Verfügung. Nach einer Einführung und Vorstellung des GraKo, erfolgt durch Christoph Rogers, der das Treffen organisierte, und nach einer kurzen Einleitung von Herrn Knut Wenzel, stellten die Gastgeber die Aufgaben ihres Instituts und die Inhalte ihrer Forschungen in einem halbstündigen Referat wie folgt vor:

In einer interdisziplinären Ausrichtung versucht die Einrichtung LIER mithilfe einer sozialphilosophischen Denkrichtung die Moderne in ihren verschiedenen Formen der Reflexivität zu untersuchen. Die meisten wissenschaftlichen Projekte des LIER konzentrieren sich auf den Zusammenhang zwischen empirisch-reflexiven Praktiken und der theoretischen Produktion reflexiven Wissens. Am Beispiel der monotheistischen Religionen soll dieser Zusammenhang genauer in den Blick genommen werden. In modernen, westlichen Gesellschaften erscheint die Religion meist als Negation der Moderne. Sie tritt entweder als Gegenstand der Kritik (von Feuerbach bis Marx und heute mit Taylors‘ „Säkularisierungsthese“) in Erscheinung oder als Form der Kritik von Seiten der Konservativen, die gegen den modernen Individualismus argumentieren. 

Das Projekt von LIER versucht gegen die Wahrnehmung einer Trennung von Religion und Moderne vorzugehen. Daraus folgt eine neue These, die da lautet: Die monotheistischen Religionen haben dank ihrer internen Zusammenhänge, die sich auf den Begriff der "Gerechtigkeit" stützen, nicht nur in der Vergangenheit dazu beigetragen, die Gerechtigkeit als kritisches Element der Gesellschaft fruchtbar zu machen, sondern können dies heute noch tun. Die Religionen sind in diesem Sinne immer noch Teil der Moderne und nicht ihr Gegenteil.  Diese Auffassung wird ausschließlich durch eine soziologische Kategorie von Religion ermöglicht; und zwar im Verständnis von Religion als einer Kraft, die das einzelne Individuum dazu bestimmt, zu handeln und zu denken. Dabei greift das LIER auf die Anthropologie Freuds zurück, in der die Religion als Modell einer kollektiven Praxis vorgestellt wird. Die Projektleiter argumentieren, dass auf der anthropologischen Grundlage Freuds eine Verbindung zwischen "kritischem Individuum", "religiösem Kollektiv" und "Gesellschaft" auf moderne Weise artikuliert ist: In Freuds Modell erscheine eine Emanzipationsbewegung immer als Konflikt mit dem Gesetz und der Norm, welcher sich im Individuum als „Neurose“ manifestiere. Noch vor der Individualisierung habe das Kollektiv als Träger dieser "Neurosen" fungiert. Diese Mechanismen werden zudem in Freuds Deskription von "Tabu und Übertretung" ausdrücklich als kollektive Prozesse beschrieben. Auch weil das "Individuum" nur unter dem Aspekt einer "Gesellschaft" verständlich sei, bürge gewissermaßen auch nur die Gesellschaft für die Rechte und die Autonomie der Individuen, weil die Gesellschaft sie selbst hervorbringe. So greift das LIER auf Freuds Modell der Religion als eine Vorstellung vermittelnder, kollektiver Praxis zurück, die auch für individualisierte Gesellschaften nach wie vor eine Rolle spielen. Sieht man die Religion als einen wesentlichen, konstitutiven Teil der Gesellschaft selbst an, dann erscheint sie nicht mehr als Negation des Individuums, sondern kann in einer modernen  Gesellschaftsordnung durch die Anbindung an die "kollektive  Sprache" (Gerechtigkeit), die Religionen historisch hinterlassen haben,  kritische Momente zwischen Individuum und Gesellschaft positiv potenzieren. Ein Beispiel für so eine perspektivische Untersuchung ist der Feminismus: Am LIER wird die Frage nach der Bedeutung der Religion für die Moderne am Beispiel des Feminismus untersucht. In diesem Projekt wird die widersprüchlich erscheinende Ausgangssituation zwischen Feminismus und Religion aufgegriffen, um den intrinsischen Zusammenhang zwischen Emanzipationsbewegung und der Wiederverwendung der kollektiven Sprache der monotheistischen Religionen zu untersuchen. Zu diesem Zweck sind zwei Debatten Gegenstand dieser Analysen:  zum einen die assistierte Reproduktion, zum anderen die feministische Emanzipationsbewegung im Islam. 

Nach dem Ende des Referats wird die Position des GraKo deutlich gemacht: Auch das Forschungsvorhaben der „Theologie als Wissenschaft“ zielt auf die These ab, dass Religionen als Diskurse der Reflexivität auszudifferenzieren sind, weil sie in geschichtlichen Kontexten unter normierenden Bedingungen mitgewirkt haben.  Unter Religionen versteht das GraKo transzendenzbezogene Konzepte wie der „kollektiven Sprache“ nach Freud, durch welche menschliche Selbstverständigungen über weite Geschichtsräume hinweg ermöglicht werden. Zudem wird vom GraKo einwendend hervorgehoben, dass die Säkularisierung als zu befürwortender, wünschenswerter Vorgang der Gesellschaft zu werten ist und dass darin die Religion nicht gleich eine Negation der Moderne darstellt. Die Untersuchung der Diskurse der Reflexivität zwischen Theologie, Religion und Gesellschaft werden am GraKo, wie am Institut des LIER auch, mit einer interdisziplinären Methodisierung realisiert.

Noch vor der Verabschiedung einigen sich das GraKo und das LIER darauf, weiterhin in Kontakt zu bleiben und Kooperationsmöglichkeiten auszuschöpfen. In diesem Kontext ist eine Einladung zu der Abschlusskonferenz im Jahr 2020 von Seiten der GraKo erfolgt, die die Projektleiter des LIERS mit Interesse und der Bereitschaft zur Teilnahme, zur Kenntnis genommen haben.