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KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

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Alte Kirchengeschichte und Patrologie

Prof. Dr. Heike Grieser

 

Das frühe Christentum

Frühchristliche theologische Entwürfe entstehen nicht nur in Auseinandersetzung mit der jüdischen und paganen Umwelt, sondern auch in zahlreichen innerchristlichen Diskursen darüber, was die Identität des Christentums ausmache und wie die Frage nach seiner Relevanz zu beantworten sei. Definiert man frühchristliche Theologie einerseits als vernünftige, andererseits als gläubige Rede von Gott, dann kann sich diese auf unterschiedliche Art und Weise artikulieren: Sowohl Äußerungen von Theologen und Bischöfen als auch beispielsweise Liturgie und Frömmigkeit sind Orte einer solchen Reflexion.

Deshalb ist genauer in den Blick zu nehmen, wer als ein Experte in religiösen Fragen wahrgenommen wurde. Denn die gängigen Kriterien wie Bildung, Amt oder sozialer Status können, wie vor allem die hagiographische Literatur zeigt, überwunden werden: Märtyrer, Asketen, Wundertäter oder fromme Frauen avancieren zu Protagonisten mit Lehrvollmacht, teilweise allerdings in separierten Lebenswelten wie einem Kloster. Bemerkenswert ist darüber hinaus eine weitestgehende Zurückdrängung des prophetischen Elements, deren vielschichtige Ursachen zu ermitteln ist. Auch die bereits in der Antike greifbare Vorstellung eines sensus fidei bzw. sensus fidelium, auf den man bei Glaubensentscheidungen rekurrieren kann, sollte genauer analysiert werden.

Von besonderem Interesse ist, wie verschiedene christliche Autoren das Verhältnis von Vernunft und Glaube bestimmen. Die Werke z.B. des Ambrosius von Mailand oder des Augustinus von Hippo ermöglichen u.a. einen Einblick in unterschiedliche Intensitäten der Rezeption, Desintegration und Transformation von Ansichten, Vorstellungen und philosophischen Konzepten der paganen Umwelt. Hier wäre danach zu fragen, ob und inwiefern ein Wandel im Denken und in der Theologie der jeweiligen Autoren zu konstatieren ist und wie sich dieser erklären lässt.

Näher zu bestimmen ist auch das Verhältnis zwischen intellektueller/ bischöflicher Theologie und christlichem Volksglauben und Volksfrömmigkeit. Wie gehen diese Autoritäten mit typischen Phänomenen wie z.B. Heiligen-/ Reliquienverehrung, Wallfahrtswesen, bestimmten Bestattungspraktiken und (synkretistischen) Frömmigkeitsformen um? Ihre Positionen variieren mit unterschiedlichen Argumenten von der Ablehnung über das Nützlichmachen bis hin zur Förderung. Weiter ist nach einer (kaum eindeutig vorhandenen) Trennlinie zum paganen Volksglauben zu fragen: Was wird mit welchen Argumenten als Magie oder Aberglaube abgelehnt? Grundsätzlich sind gerade für solche Themengebiete verschiedene materielle Zeugnisse mit zu berücksichtigen (Amulette, Kleidung, Kennzeichnung von Gebäuden etc.).

Auf die zentrale Frage nach den Möglichkeiten und den Kriterien der Bestimmung des orthodoxen Glaubens haben die frühen Christen in unterschiedlichen Kontexten mit Hinweisen auf das Alter und die apostolische Überlieferung, die (synodale) Konsensfindung, die theologischen Konzepte prominenter Bischöfe oder kaiserliche Interventionen reagiert. Doch was geschieht, wenn Übereinstimmung nicht erzielt werden kann? Die Auseinandersetzung mit theologischen Deutungen des Geschichtsverlaufs, insbesondere im Hinblick auf Streit und Apostasie, verspricht vertiefte Einblicke in einen vielschichtigen Prozess des Versuchs der Wahrheitsbestimmung.

Zu achten ist schließlich darauf, mit welchen Strategien für das Christentum geworben wird und warum es zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dabei könnte der Relevanzgrad verschiedener einflussnehmender Faktoren näher bestimmt werden, z.B. die Klärung christologischer, soteriologischer und eschatologischer Debatten, das caritative Engagement der Christen, die Bedeutung kirchlicher Institutionen/ Ämter, aber auch die häufig überlieferte Wundertätigkeit (der Missionare).