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KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

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Dogmatik

Prof. Dr. Dirk Ansorge

 

Das Verhältnis zwischen Christentum und Islam ist in systematisch-theologischer Perspektive nicht zuletzt mit Blick auf Forschungen zu den reflexiven Strukturen christlicher und muslimischer Friedensethik bedeutsam. Das Projekt konkretisiert langjährige Forschungen auf dem Feld der christlich-jüdisch-muslimischen Beziehungen zum jeweiligen Verständnis von Wahrheit, Offenbarung und Geschichte. In diesem Zusammenhang geht es nicht zuletzt um Formen der Selbstreflexivität in den drei monotheistischen Religionen sowie deren Vermittlung in Theorie und Praxis.

Institutionell werden die christlichen theologischen Untersuchungen zu einer islamischen Friedensethik durch den Themenschwerpunkt „Katholische Theologie im Angesicht des Islam“ (sankt-georgen.de/stiftungsprofessur) an der Hochschule Sankt Georgen flankiert. Hinzu kommt eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Hamburger Institut für Theologie und Frieden (ithf.de), einer Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz. Hilfreich ist auch der enge Austausch mit den Mitarbeitern der „Christlich-islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle“ (cibedo.de), ebenfalls einer Fachstelle der Deutschen Bischofskonferenz, auf dem Campus von Sankt Georgen. Von alledem profitieren auch der kollegiale Austausch und die Diskussionen innerhalb des Graduiertenkollegs – wie umgekehrt die erste Förderungsphase das Forschungsinteresse der Beteiligten entscheidend mitgeprägt hat.

Die Aktualität und Brisanz einer Friedensethik im religiösen Kontext ist evident. Denn in den letzten Jahren hat sich der Einsatz von Gewalt als eine wesentliche Gestalt religiös motivierter oder religiös legitimierter Praxis erwiesen. Zugleich finden sich in allen Religionen Vertreter, die auf den friedensstiftenden Charakter ihrer jeweiligen Überzeugungen verweisen. Diese Ambivalenz verweist darauf, wie sehr es auf die jeweiligen Interpretationen ankommt, die seitens religiöser Autoritäten erfolgen. Diese Autoritäten entscheiden darüber, was überhaupt als normative Grundlage einer jeweiligen Religion gelten darf, wie diese Grundlage zu interpretieren ist und welche normative Geltung ihr zukommt.

Sowohl das Christentum als auch der Islam kennen breite Traditionen von Reflexionen über Krieg und Frieden. In westlicher, nicht zuletzt durch das Christentum geprägter Perspektive wurde die traditionelle Konzeption eines „gerechten Krieges“ in den letzten Jahren zunehmend durch Konzeptionen eines „gerechten Friedens“ ergänzt, wenn nicht gar ersetzt. Allerdings sehen sich diese Konzeptionen angesichts der vielfach prekären Menschenrechtslage in Kriegs-und Bürgerkriegsgebieten durch die ethische Herausforderung einer „responsability to protect“ unvermindert infrage gestellt. Die neuere christliche Theologie hat sich diesen Herausforderungen in verschiedenen Publikationen sowohl in historischer als auch in systematischer Perspektive wiederholt gestellt.

Die verschiedenen Projekte innerhalb des GRK stellen für Reflexionen und Forschungen auf diesem Themenfeld eine unverzichtbare Bezugsgröße dar. Indem sie nämlich unterschiedliche Formen der Rationalität in den drei monotheistischen Religionen identifizieren und miteinander in eine Beziehung setzen, vervollständigen sie das Tableau jener Formen der Rationalität, in denen sich Judentum, Christentum und Islam über sich selbst und über ihre jeweiligen Einstellungen zu Krieg und Frieden verständigen. Hieraus resultiert die Möglichkeit, friedensethische Diskurse in der islamisch geprägten Welt in einen systematischen Rahmen einzuordnen und von ihm her zu interpretieren.

Eine Sichtung solcher Diskurse wird gegenwärtig von Dr. Heydar Shadi vorgenommen, einem Politologen iranischer Herkunft, der Farsi, Arabisch und Türkisch beherrscht. Seine Forschungsstelle, die sowohl Sankt Georgen als auch dem Hamburger Institut für Theologie und Frieden zugeordnet ist, ist drittmittelfinanziert. Dr. Shadis Aufgabe besteht darin, friedensethische Diskurse im persischen, arabischen und türkischen Kulturkreis zu identifi- zieren, sprachlich zu erschließen und auf ihre argumentativen Strukturen hin zu analysieren.

Dabei zeichnen sich angesichts eines extrem heterogenen Diskursfeldes – beginnend mit den verschiedenen Publikationsformen in den genannten Regionen – sehr unterschiedliche Argumentationsstrukturen ab. Bei den Akteuren handelt es sich – wie auch sonst in der islamisch geprägten Öffentlichkeit – keineswegs ausschließlich um Universitätsgelehrte. Dem entsprechend bedienen sie sich sehr verschiedener Argumente und Diskursformen. So gibt es vor allem im liberalen oder progressiven Islam Diskurse, die weitgehend pragmatisch orientiert sind und ihre jeweiligen Positionen durch Bezugnahmen auf Texte der religiösen Tradition zu legitimieren versuchen. Solche Bezugnahmen erscheinen oft – und wohl unvermeidlich – arbiträr.

Am anderen Ende des Spektrums finden sich „fundamentalistisch“ argumentierende Positionen, die im Ausgang von normativen Texten des Islam – darunter zuvorderst Koran und Sunna – deren Anwendung auf konkrete Herausforderungen der Friedensethik plausibel machen. Doch auch hier erscheinen einer nüchternen Betrachtung – schon aufgrund der Heterogenität und mangelnden inhaltlichen Kohärenz der normativen Quellen – die jeweiligen Bezugnahmen auf die normativen Texte oft willkürlich, ja hermeneutisch naiv. Vor diesem Hintergrund stellt sich aus der Dogmatik die Frage, welche Verbindlichkeit religiösen Texten nicht bloß theoretisch, sondern auch praktisch zukommt. Diese Frage ist auch an die eigene – christliche – Tradition zu richten.

Die kaum zu bestreitende Ambivalenz des Religiösen in Bezug auf Fragen von Krieg und Frieden provoziert darüber hinaus die Frage, ob und in welchem Maße die Religionen selbst eine kritische Instanz gegenüber ihrer Inanspruchnahme darstellen, und wie  diese womöglich geltend gemacht werden kann. Spätestens an dieser Stelle ist die Verhältnisbestimmung von Religion und Vernunft prekär. Unabwendbar ist auch die  Frage, ob eine „Wesensbestimmung“ von Religionen möglich ist, ohne damit essentialistisch zu argumentieren.

Aus christlich-theologischer Perspektive ist in den verschiedenen Ansätzen islamischer Friedensethik die jeweilige Verhältnisbestimmung von Offenbarung, Vernunft und Überlieferung herausfordernd. In der islamischen Welt wird das Spannungsverhältnis zwischen überzeitlichem Wahrheitsanspruch und geschichtlicher Kontextualität sehr unterschiedlich  bestimmt,  zugleich  aber  doch auch  immer  begründet. Die  verschiedenen Forschungsprojekte im Graduiertenkolleg und deren Diskussionen erlauben insofern eine kritische Reflexion auf die eigenen Erkenntnisse und Schlussfolgerungen im Bereich islamischer Friedensethik – auch und vor allem, insoweit sie Verhältnisbestimmungen von Religion und Vernunft betreffen und deshalb für die dogmatische Theologie bedeutsam sind. Die Diskussion solcher Fragen mit den jüdischen Teilnehmern am Graduiertenkolleg verspricht eine nochmalige Ausweitung der Perspektiven.