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KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

Facebook-Seite des GRK






Philosophie

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt

 

Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Theologie soll aus systematisch-philosophischer Sicht weiterhin in der Verschränkung wissenschaftstheoretischer, epistemologischer und dezidiert religionsphilosophischer Perspektiven bearbeitet werden. Dabei bleibt die Auffassung leitend, dass die Suche nach verbindlichen Kriterien der Wissenschaftlichkeit von Theologie bei der umfassenden Frage nach den Bedingungen eines rationalen Diskurses über Religion ansetzen muss. Diese Bedingungen müssen aus der Binnenperspektive unterschiedlicher religiöser Traditionen akzeptiert werden können und dürfen nicht mit den Methodenstandards einer bestimmten Tradition, Konfession oder Kultur identifiziert werden. Die Erfahrungen der kooperativen Forschung in der ersten Laufzeit des GRK haben gezeigt und als Lerngewinn erbracht, dass die Akzeptanz der  gesuchten Kriterien eines transreligiösen rationalen Diskurses sich nicht in einem theoretischen Konsens über wissenschaftstheoretische Prinzipien erschöpfen kann. Dieser Konsens muss vielmehr performativ inszeniert und gestaltet werden, als lebendiger Prozess des gemeinsamen Forschens und der wechselseitigen Anregung und Kritik. Diese Erfahrungen und Ziele sollen philosophisch aufgegriffen, vertieft und fortentwickelt werden.

Die zu verfolgende und zu vertiefende Leitfrage lautet also, wie Standards und Kriterien rationaler Diskurse verbindlich sein können, angesichts der Vielheit religiöser Traditionen untereinander und der Differenz des religiösen Feldes im Ganzen zu den allgemeinverbindlichen säkularen Normen in Staat und Wissenschaft. Diese philosophische Frage betrifft die wissenschaftspolitisch-praktische Frage nach dem Ort und der Funktion von Theologie als wissenschaftlicher Disziplin an staatlichen und öffentlichen Hochschulen. Diese Frage stellt sich, philosophisch betrachtet, genauer als Frage nach dem Verhältnis von allgemeiner Begründung und interner Rechtfertigung, nach Universalität und Partikularität, normativer Verbindlichkeit und authentischer Verwirklichung, wissenschaftlichem Fortschritt und reflexiver Traditionsbildung, theoretisch valider Erklärung und angemessener Artikulation von Erfahrung.

In der zweiten Phase der Laufzeit des GRK soll die Frage nach der spezifischen Verschrän- kung universaler wissenschaftlicher Rationalitätsansprüche mit den Formen der intern religiö- sen Reflexion und Traditionsbildung noch stärker im Sinne des Verhältnisses von Narrativität und Argumentation thematisiert werden. Dies geschieht in ausdrücklicher Anknüpfung und Weiterentwicklung der bisherigen Fragestellungen. So wird die Forschung zum Verhältnis von Philosophie und Theologie bzw. Religion bei Habermas fortgesetzt; der Schwerpunkt liegt dabei auf den kommunikationstheoretischen Konzepten der Versprachlichung und der Übersetzung. Der in diesen Arbeiten entfaltete übersetzungstheoretische Ansatz hat sich als Methode der Bestimmung des Verhältnisses von Philosophie und Theologie bewährt, da er die Spannung von auf universale Geltung bezogener wissenschaftlicher Argumentation und der partikularen Gestalt religiöser Rede als Verhältnis unterschiedlicher Sprachmodi begreift und dadurch operationalisierbar macht. Der übersetzungstheoretische Ansatz soll daher zukünftig weiter entwickelt und vertieft werden, unter besonderer Bezugnahme auf das Verhältnis von Philosophie und Literatur.

Das Verhältnis von narrativ vermittelter Identitätsbildung und -vergewisserung zu rationalen Formen der Argumentation bietet in methodischer Hinsicht einen vielversprechenden Ansatz zur Vertiefung der genannten Aufgabe einer Vermittlung universaler Vernunftstandards mit intern religiöser Reflexion und Traditionsbildung. Hier ist vor allem auf die einschlägigen Arbeiten von Stanley Cavell zum Verhältnis von Philosophie und Literatur als Formen der Wissens- und Identitätsbildung Bezug zu nehmen. Zu berücksichtigen sind im deutsch- sprachigen Kontext vor allem die Vorarbeiten von Christoph Demmerling und Christoph Menke. Zu Menke besteht im Rahmen des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ ein enges Kooperationsverhältnis, das die gemeinsame Betreuung von Dissertationen und Habilitationen am Institut für Philosophie der Goethe-Universität einschließt.

Die Bedeutung der Narrativität für die Konstitution vernünftiger Identität in individueller und kollektiver  Hinsicht steht auch im Mittelpunkt des in Kooperation mit dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ etablierten Arbeitskreises „Ästhetik, Religion, Politik“. Dabei soll die Vermittlung von Diskurs und Narrativität nicht nur in Form philosophischer Theorieproduktion vollzogen werden. Vielmehr sollen die in diesem Kontext angesiedelten Projekte und Qualifikationsarbeiten auch einen performativen Beitrag zur Gesamtfragestellung des GRK leisten, indem Debatten um die Textualität und Narrativität von Religion aus philosophischer Sicht angeregt und bereichert werden sollen. Hier wird an Überlegungen und Verfahrensvorschläge angeknüpft, wie sie Nicholas Adams in kritischer Bezugnahme auf die Habermas’sche Theorie des kommunikativen Handelns  entwickelt hat. Adams entwickelt in Anlehnung an Peter Ochs ein Verfahren des „scriptural reasoning“, das gerade bei jenen Differenzen ansetzt, die durch die unterschiedlichen Texte und vor allem durch den unterschiedlichen Umgang mit der Textualität kanonischer Schriften gesetzt sind, wie sie für die verschiedenen religiösen Traditionen prägend sind. „Scriptural reasoning“ ermöglicht ein performatives und kompetenzorientiertes kommunikatives Vermittlungsgeschehen zwischen dem allgemeinen Rationalitätsanspruch von Argumentationsformen und der partikularen Identitätsstiftung und Traditionsbildung verbindlicher Texte und prägender Narrative. Da Peter Ochs sein Konzept ausdrücklich unter Berufung auf die Prinzipien des philosophischen Pragmatismus entfaltet, wird auf diese Weise die fortschreibende Anknüpfung an die entsprechenden Forschungs- und Promotionsprojekte der ersten Förderperiode gewährleistet.