Home
deutsch english

KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

Facebook-Seite des GRK






Jüdische Religionsphilosophie

Prof. Dr. Christian Wiese

 

Im Bereich der jüdischen Geistesgeschichte und der jüdischen Religionsphilosophie der Moderne richtete sich der Blick in der ersten Projektphase schwerpunktmäßig auf die langfristige Transformation, die zur Neuorientierung mit Blick auf das Verhältnis von Theologie und Wissenschaft führte. In den Diskussionen des GRK hat sich weit klarer als bereits zuvor herausgestellt, dass eine historische wie systematische Klärung des Theologiebegriffs im Judentum der Moderne – angesichts des Spektrums kontroverser Einschätzungen hinsichtlich der Plausibilität seiner Verwendung als Kategorie religiöser Diskurse – dringend erforderlich ist. In der zweiten Phase soll daher die Frage nach der Existenz und dem spezifischen Charakter einer „jüdischen Theologie“ grundsätzlicher zu bearbeiten  und  mit  den  zeitgenössischen  Debatten  über  das  Verständnis  der Begriffe „jüdische Philosophie“, „jüdische Religionsphilosophie“ oder „jüdisches Denken“ (Jewish thought) ins Gespräch zu bringen sein. Der Befund, von dem auszugehen ist, ist zwiespältig: Im Kontext der Geschichte jüdischer Tradition erscheint „jüdische Theologie“ vielfach als dem Judentum ursprünglich fremde und unangemessene Kategorie, deren faktische Existenz seit dem 19. Jahrhundert in erster Linie als Christianisierungs- bzw. Protestantisierungsphänomen gedeutet wird; dem steht die Tatsache gegenüber, dass sich namentlich seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine sich ausdrücklich als wissenschaftliche jüdische Theologie verstehende Disziplin herausbildete, die vor allem in der anglophonen jüdischen Literatur den Begriff „Jewish Theology“ ganz selbstverständlich verwendete. In komparativer Perspektive mit Blick auf die Verwendung des Begriffs im christlichen und islamischen  Kontext  soll  daher in der zweiten Phase die Entwicklung  des Konzeptes „Jüdische Theologie“ detailliert rekonstruiert werden; dabei gilt es zugleich (und nun mit einem weit stärkeren Schwerpunkt auf der zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts) zu untersuchen, ob und in welcher Hinsicht diese „Theologie“ – insbesondere in den USA, aber auch in England und Israel – mit Blick auf wesentliche Aspekte jüdischer Tradition in der Auseinandersetzung mit gegenwärtigen politischen, kulturellen und ethischen Herausforderungen andere Akzente setzt als eine sich nicht als „theologisch“ begreifende Wissenschaft.

In Übereinstimmung mit der generellen Schwerpunktsetzung der zweiten Phase des GRK auf die Thematik religiöser Experten sowie der historischen Analyse des theologischen Umgangs mit Text-Corpora liegen mit Blick auf die unterschiedlichen Disziplinen der Wissenschaft des Judentums zwei weitere Forschungsfragen nahe. Eine auffällige Erscheinung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ist die Herausbildung transnationaler jüdischer Gelehrtennetzwerke. Im Kontext des GRK wäre zu untersuchen, welchen spezifischen Beitrag dieses Netzwerk zur Interpretation relevanter Texttraditionen (Bibel, rabbinische Literatur, Kabbala, mittelalterliche Religionsphilosophie) sowie zur Fundierung einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit theologischen Themen leistete, welche Rolle dabei seine Experten spielten, welche theologischen Debatten sich innerhalb des Netzwerks abspielten, auf welche Weise es sich des wissenschaftlichen Instrumentariums anderer akademischer Disziplinen bediente und wie es mit der Herausforderung durch nichtjüdische Theologien umging.

Ein damit zusammenhängender dritter Forschungsschwerpunkt widmet sich der jüdischen Bibelwissenschaft des 20. Jahrhunderts. Ging es bei den Kontroversen, wie sie spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Folge der (liberal-)jüdischen Rezeption der protestantischen Bibelwissenschaft ausgebrochen waren, um die Frage, ob jüdische Bibelauslegung sich – im kritischen Gespräch mit Orientalistik und christlicher Exegese – als wissenschaftliche Bibelauslegung etablieren könne und welche Funktion ihr in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus sowie im innerjüdischen Identitätsdiskurs zukomme, so vollzog sich die Diskussion um eine jüdische Bibelhermeneutik im 20. Jahrhundert unter den Bedingungen stärkerer Integration in universitäre Kontexte und akademischer Professionalisierung (ohne dass die Frage nach dem historisch-kritischen Umgang mit traditionellen Texten an Bedeutsamkeit verlor). Im Zentrum der Analyse sollen exemplarische Konstellationen jüdischer Bibelexegese im 20. Jahrhundert stehen: Martin Bubers durch die gemeinsame Arbeit mit Franz Rosenzweig an der „Verdeutschung“ der Schrift inspirierte Kommentararbeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, die in Gespräch und Auseinandersetzung mit Tendenzen christlicher Bibelhermeneutik entwickelte jüdische Bibelforschung in den USA nach 1945 sowie vergleichende Studien zum israelischen Wissenschaftskontext.