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KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

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Kirchen- und Theologiegeschichte (ev.)

Prof. Dr. Markus Wriedt

 

Für die Untersuchungen zur Entstehung protestantischer Theologie in der frühen Neuzeit hat sich die Ausgangsthese, wonach Theologie – zumal akademische und wissenschaftliche Theologie – an den Konfliktzonen divergierender Glaubensaussagen entsteht, in der ersten Phase des GRK bewährt. Während die Konflikte der Antike sich sowohl nach innen im Sinne theologischer Differenzierung als auch nach außen in apologetisch-beweisender Form gegenüber alternativen, vorzugsweise paganen Reflexions- und Sinnstiftungsangeboten verstanden, entfiel mit der zunehmenden Dominanz des Christentums  als Staatsreligion diese äußere Komponente. Sie kehrt erst in Phasen aktueller Begegnung mit nicht- christlichen Religionen, insbesondere dem Judentum und dem Islam im Hochmittelalter und in der frühen Neuzeit, wieder. Mit insgesamt drei Studien wurde für die frühe Neuzeit die Entstehung protestantischer Theologie sowohl an ihren Ursprungsorten als auch dem reformatorischen Widerspruch Luthers und anderer gegen die ihrer Meinung nach biblisch nicht legitimierte kirchliche Frömmigkeitspraxis und deren theologische Begründung, wie auch im Kontext ihrer späteren Systematisierung im sogenannten Konfessionellen Zeitalter untersucht. Insbesondere für die akademische Verbreitung reformatorischer Theologie konnte mit einem DFG-Projekt die Untersuchung der Verbreitung der Wittenberger Theologie zwischen 1502 und 1650 erfolgreich beantragt und seit Juli 2015 auch umgesetzt werden. Hierbei wurde freilich auch deutlich, dass eine interreligiöse Dimension im aktuellen Streit um die christliche Wahrheit schlechterdings nicht wahrgenommen wird. Dieser  historische Befund ist insofern kritisch aufzunehmen, als er sich widerständig zur gegenwartsaktuellen Inanspruchnahme der reformatorischen Theologie verhält – signifikant in den Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum 2017 („Reformationsdekade“) zu erkennen.

Freilich erweist sich auch die lebensweltlich-konkrete Umsetzung theologischer Überzeugungen als schwierig nachzuvollziehen: Die Glaubensartikulation und lebensweltliche Artikulation religiöser Überzeugung stehen in jeder Epoche neu vor der Notwendigkeit, Theologie zu werden. Im herausfordernden Neben-, Gegen- und Miteinander der christlichen Konfessionen und Denominationen wird dies seit einiger Zeit unter dem Begriff der „Konfessionskultur“ thematisiert. Der Begriff der „Konfessionskultur“ sucht die Regel-, Norm- und      Ritualzusammenhänge zu rekonstruieren, welche die „Konfessionslandschaften und -gesellschaften“ spezifisch ausgebildet haben. Unter Konfessionskultur wird dabei der Bestand an persistenten oder zumindest längerfristig manifesten, gleichwohl nicht statisch fixierten, bekenntnismäßig geprägten religiösen Verhaltens- und Darstellungsformen, mithin die genuinen Konfessionspraktiken, verstanden. Die  bekenntnismäßige Prägung erfolgt freilich weit weniger aufgrund der Bindung an normative, um lehrmäßige Homogenität und Kontinuität bemühte Rückvergewisserung in die Ursprungssituation der konfessionellen Differenz in Form von Bekenntnisformulierungen, als vielmehr in der Weise einer als konfessionelle Differenzkriterien behaupteten, nachträglichen Legitimation von lebensweltlich verwurzelten Glaubens- und Frömmigkeitspraktiken,  die dann als „lutherisch“, „calvinistisch“ oder „römisch“ klassifiziert werden. Semantische Untersuchungen zu umgangssprachlichen Wendungen lassen klar erkennen, dass die behauptete Rückbindung an das konfessionelle Grunddokument – Augsburgische Konfession, Heidelberger Katechismus oder die Tridentinische Confessio Fidei bzw. deren populäre Verbreitung in Form von Katechismen, Lehrpredigten etc. – eben gerade nicht zur semiologischen Bedeutung beitragen. Die politischen, wirtschaftlichen  und gesellschaftlichen – auch   die theologisch-dogmatischen – Rahmenbedingungen der „Konfessionskulturen“ sind nicht beliebig und schränken den Ausbreitungs- und Akzeptanzrahmen spezifisch konfessionell konnotierter Kulturpraxis erheblich  ein. Gleichwohl überschreiten die Muster der unterschiedlichen Konfessionskulturen durchaus den Rahmen der übergeordneten, konfessionell geprägten Funktionssysteme. Gerade auch weil die dogmatischen Inhalte seit der Mitte des 16. Jahrhunderts immer stärker differieren und der damit verbundene obrigkeitliche, elitäre Normierungsprozess für die meisten Mitglieder der konfessionell zur Homogenität gedrängten Gesellschaft nicht nachvollziehbar verläuft, werden innerhalb der konfessionskulturellen Diskurse Wege des Kompromisses und eines selbstständigen, für die am kommunikativen Prozess Beteiligten – allerdings luziden – Identitätsbildungsverfahrens eingeschlagen. Weniger die theoretische Überzeugung als der theologische Nachvollzug konfessionskultureller Praxis stellen den Ort frühneuzeitlicher, institutionell kirchlich oder akademisch getragener Glaubensreflexion dar.

Die Fort- und Weiterentwicklung des aktuellen Forschungsschwerpunktes vollzieht sich vor diesem Hintergrund in mehrfacher Hinsicht in folgenden Bereichen:

a)    Chronologisch wird der Blick stärker auf die Fortentwicklung und Transformation konfessioneller – hier protestantischer – Theologie gerichtet. Dabei erweisen sich die Herausforderungen von Pietismus und Aufklärung als besonders stimulierend. Von daher wird besonders nach der Ausgestaltung – dazu gehört auch  die fachdisziplinäre Ausdifferenzierung von Lehrstühlen – der wissenschaftlich- akademischen Theologie gefragt.

b)    Inhaltlich sind zum einen die Konfliktzonen zur römisch-katholischen Theologie zu beachten, die im Kontext der Unionsbemühungen des 17. und 18. Jahrhunderts eine neue Entwicklung nahmen. Zum anderen sind freilich auch die Begegnungen mit nicht-christlichen Religionen stärker in den Blick zu nehmen, wie sie beispielsweise in Reiseberichten der peregrinatio academica, aber auch von Kavalierstouren und Missionserkundungen her vorliegen.

c)    Diese Entwicklungen können fokussiert in der Wandlung des Religionsbegriffs wahrgenommen werden: Bezog sich dieser lange Zeit auf die rechtlich-zivile Bestimmung von Rahmenbedingungen, so wandelt er sich im Kontext aufgeklärter Reflexion zu einem Terminus individueller, subjektiv bestimmter Glaubenserfahrung, die in der zunehmend säkularen Umwelt ihren Ort sucht – und findet.

d)    Eine weitere Ergänzung ist im Blick auf die bislang berücksichtigten Quellencorpora vorzunehmen. Die akademisch-wissenschaftliche Glaubensreflexion wird je länger, je weniger in dogmatischen Summen traktiert. Eine ungemein wichtige Rolle bei der Popularisierung von konfessioneller Theologie spielen zunächst die Postillen, deren Wirkmächtigkeit lange Zeit erheblich unterschätzt wurde. Freilich zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass die vormals von Christoph Rublack erhobene These, wonach die Postillen vor allem lehrhaften Charakter hatten und die jeweilige Lehre alltagskompatibel vortrugen, so nicht mehr haltbar ist. Auch wenn die Postillen nur einen Sonderfall der großen Gattung „Predigt“ darstellen, verweisen sie doch auf eine grundlegende Problematik: Wo wird die aus der Glaubensreflexion gewonnene Norm vermittelt und verbindlich fortgeschrieben? Hierzu wurde in den letzten Monaten ein eigenes Forschungsprojekt entwickelt, das mit Hilfe einer Anschubfinanzierung durch die Wissenschaftliche Gesellschaft für Theologie e. V. zeitnah zur vollen Antragsreife gebracht werden kann. Die darin angestrebte Forschungsarbeit wird eng mit dem Forschungsaspekt des GRK verknüpft werden können.

e)    Im Kontext der in den Predigten geleisteten konfessionellen Auslegungsarbeit gerät nicht nur die normative Formulierung des Protestantismus – „sola scriptura“ – in den Blick, sondern es wird auch deutlich, wie sehr sowohl der Konfessions- und damit der Religionsbegriff wie auch die Ausbildung konfessionell normativer Aussagen (Lehre) sich auslegungsgeschichtlich weiterentwickeln. Neben die Glaubensreflexion tritt mit hoher Verbindlichkeit eine Auslegungstradition. Sie vermag freilich die lehrhafte, dogmatische Festlegung nicht gänzlich zu ersetzen, entwickelt sich aber im 18. Jahrhundert unter Einfluss historisch-kritischer Denkweisen zunehmend zu einer dogmengeschichtlichen Sichtweise. Die Normativität der jeweiligen Glaubensreflexion wird konsequent historisiert und kontextualisiert. Auch hierzu sind Kooperationen mit Vertretern der exegetischen und exegesehistorisch ausgerichteten Forschung vorbereitet, die zunächst in einem Kongress zum Reformationsgedenken im Mai/Juni 2017 zum Begriff und Wandel der reformatorischen Exklusivformel „sola scriptura“ in Frankfurt durchgeführt wird.

Alle hier skizzierten Weiterungen bzw. Fortschreibungen der Ausgangsfrage sind im Fokus der übergeordneten Frage nach der Materialität und Medialität der Glaubensreflexion zu konzentrieren. Dies geschieht im Kontext der gegenwärtigen Diskussion um den Expertenbegriff vor allem im Blick auf die theologisch gebildeten Eliten und ihre gesellschaftliche Stellung. Hierzu ist eine Tagung im Jahr 2016 vorbereitet, die nach dem Begriffswandel fragt, welcher die religiösen Gelehrten, Gebildeten, Intellektuellen etc. charakterisiert. Die Institutionen der gelehrten Glaubensreflexion sind ebenfalls einem starken Wandel, vor allem im 18. Jahrhundert, unterworfen. Zu den Universitäten sind hierbei die Predigerseminare, unabhängige Aus- und Fortbildungszentren in deutlicher Alterität zur akademischen Ausbildung (Missionsakademien, Predigerschulen, Missionsschulen etc.), allerdings auch zunehmend private Zirkel und Salons zu zählen. Die Frage nach der Materialität bzw. Medialität der Glaubensreflexion verweist auf neu entstehende Literaturgattungen wie die Postillen, später gelehrte Zeitungen und regelmäßig erscheinende Periodika für einzelne Gesinnungs- und Überzeugungsgemeinschaften. Ein Sonderfall sind die aufgeklärten Enzyklopädien (Jöcher, Zedler, et. al.), die zahlreiche religiös konnotierte Lemmata traktieren, dies aber in gänzlich säkularer Weise verbreiten.

Die voranstehend skizzierten Weiterungen bzw. Fortschreibungen des Antrags erweisen sich als hoch anschlussfähig zu gegenwärtig intensiv geführten Forschungsdiskursen. Zu den akademisch-wissenschaftlichen Manifestationen von pietistischer und aufgeklärter Frömmigkeit liegen inzwischen erste Forschungen in Halle (Sträter, Soboth) und Münster (Beutel) vor. Die Unionsbemühungen wurden erst in einer sehr vorläufigen Weise von Duchhardt und May sowie Schäufele analysiert. Während Reiseberichte sich schon seit einiger Zeit einer intensiveren Beachtung erfreuen, ist deren interreligiöser Gehalt bisher wenig bis gar nicht wahrgenommen worden. Gleiches gilt für die Zeugnisse der peregrinatio academica. Die Missionsberichte wurden bisher ausschließlich in missionstheologischen Zusammenhängen erforscht und harren auch in Bezug auf die Frage des GRK einer intensiveren Untersuchung. Den Wandel des Religionsbegriffs hat Ernst Feil in einer umfänglichen Studie nachgezeichnet. Allerdings beschränkt sich das vierbändige Werk auf eine Wiedergabe einschlägiger Passagen und deren redaktionelle Zusammenführung. Eine gründliche Untersuchung der Auswirkungen der insbesondere in populärtheologischen Quellen vorgenommenen terminologischen Transformation steht noch aus.