Home
deutsch english

KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

Facebook-Seite des GRK






Jüdische Studien, Bibel und Jüdische Bibelauslegung

Prof. Dr. Hanna Liss

 

Bestens daran anknüpfen – wenn auch zeitlich später angesiedelt – lässt sich vor allem einer der Forschungsschwerpunkte in der zweiten Phase des GRK im Bereich der jüdischen Bibelauslegung, nämlich das Arbeitsfeld der Manuskriptkulturen (v. a. die Bearbeitung masoretischer Texttraditionen in Westeuropa). Es hat sich nämlich gerade in der Auseinandersetzung mit der christlichen Theologie herausgestellt, dass das Thema der Kanonizität und Autorität heiliger Schriften aus der Sicht der hebräischen Textwissenschaft nicht von der Materialität und der Textanthropologie zu trennen ist.

Für das GRK ist vor allem die wissenschaftliche Bearbeitung jener Bibel- und Masora- Texttradition relevant, die für ca. 400 Jahre zwischen dem nordfranzösischen Bibelexegeten Rashi (gest. 1105) und spätestens dem Beginn des typographischen Zeitalters und der damit einhergehenden Standardisierung eines hebräischen textus receptus (erster hebräischer Bibeldruck mit Kommentaren und masoretischen Annotationen durch Felipe de Prato im Jahr 1517) die jüdische und christlich-hebraistische Textgeschichte und Theologie maßgeblich geprägt hat. Hier werden gerade für die Theologiegeschichte des sogenannten „jüdisch- christlichen“ Abendlandes wichtige Ergebnisse gezeitigt, weil sich schon jetzt abzeichnet, dass die hier avisierten Ergebnisse ein neues Licht nicht nur auf die Geschichte des hebräischen Bibeltextes als solchen werfen, sondern seine bisherige wissenschaftliche Erforschung (vor allem im Rahmen der protestantischen Theologie) seit dem 18. Jahrhundert auf eine vollkommen neue Basis stellen werden. Darüber hinaus wird zu zeigen sein, dass die Masora vor allem anderen auch ein exegetisches Potential aufweist, das in der bisherigen wissenschaftlichen Masora-Forschung überhaupt nicht bemerkt und erst in den letzten fünf Jahren in Ansätzen bearbeitet wurde.

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt liegt auf den Transformationsprozessen vom biblischen (Israel) zum rabbinischen und mittelalterlichen Judentum, im Besonderen auf der zentralen Stellung von Tora und Studium und dem sich entwickelnden rabbinischen Verständnis von Literatur. Das Projekt des assoziierten Nachwuchswissenschaftlers Jonas Leipziger nimmt sich zum Ziel, die Veränderungsprozesse zwischen biblischem und rabbinischem Judentum nachzuzeichnen. Dies geschieht methodisch anhand von Performanzgeschichte, historischer Rezeptionsästhetik und Rezeptionsanalyse im Fokus folgender Fragestellungen: Wie veränderten sich Lesepraktiken und -kulturen? Wie wurde gelesen, und wie ist das Leseverhalten im antiken und rabbinischen Judentum vom gegenwärtigen zu unterscheiden? Welche Performanzen wurden mit Leseakten religiöser Texte verbunden, wie sind Oralität, Skriptualität und Performativität miteinander ins Verhältnis zu setzen, wenn Texte durch das laute Lesen zu Inszenierungen und Aufführungen werden? Deutlich wird hier, dass eine Untersuchung  etwa  der  kultischen  und  rituellen   Tora-Lesung   ihren   Doppelcharakter von sprachlicher Performativität und theatraler Performance zu berücksichtigen hat. Es soll also nicht nur um Lesen als kognitiven Akt gehen, sondern um Lesen als ein „complex sociocultural construction that is tied, essentially, to particular contexts“. Ziel ist die Formulierung einer Theologie des „literarischen Kult[es]".