Home
deutsch english

KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

Facebook-Seite des GRK






Islamische Studien, Koranexegese

Prof. Dr. Ömer Özsoy

 

Die Frage nach der Materialität religiöser Traditionen kann im Bereich der Islamischen Studien zumindest zum Teil wörtlich verstanden werden. Denn sowohl die aktuellen Ergebnisse der westlichen Koranforschung, die in der letzten Zeit u. a. auf die Radiokarbonmethode zurückgreift, als auch die islamisch-theologischen Studien, denen bislang fast ausschließlich jeweilige islamische Überlieferungsmaterialien zugrunde liegen, verweisen gemeinsam auf die Regierungszeit des dritten Kalifen ʿUṯmān (644–656) und den Hedschas als Zeit und Ort der endgültigen Kodifizierung des Korantextes in seiner heute vorliegenden Konsonantenform. Dennoch lassen sich die ältesten uns erhaltenen islamischen Überlieferungen frühestens auf das 9. Jahrhundert zurückführen, so dass zwischen der Entstehungszeit des Korantextes und der Attestierung der frühesten Traditionen über diese Zeit eine unübersehbare Distanz entsteht, die zugleich literarische, kulturelle und nicht zuletzt theologische Konsequenzen gehabt haben muss. Die Sammler bzw. Tradenten dieser Überlieferungen lebten in Gebieten und Gesellschaften, die sich vom Entstehungskontext des Korans sowie des sich daran anschließenden Frühislams, über die diese Überlieferungen berichten, in vielfacher Hinsicht unterschieden. Hinzu kommt, dass die Tradenten verschiedenen frühen politischen, theologischen und juristischen Schulen angehörten, welche die Grundthemen der islamischen Theologie (Gott,  Offenbarung, Prophet und Prophetentum, Recht, Schrift, Vorherbestimmung etc.) von unterschiedlichen Standpunkten aus ansahen. Diese heterogenen und konkurrierenden Standpunkte prägten nicht nur die normative Deutung der Texte und ihre Lesart, sondern beeinflussten die Auswahl der tradierten und zu tradierenden Berichte und somit die Darstellung der in ihnen erzählten Begebenheiten und Gegebenheiten. Die Professur für Koranexegese  am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe-Universität strebt gemeinsam mit der am selben Institut angesiedelten Post-Doc-Gruppe „Wissens- und Methodenkonzepte in den islamischen Wissenschaften“ die Entwicklung eines Forschungsschwerpunktes an mit dem Ziel, diese beschriebene Lücke zwischen den uns erhaltenen frühen Überlieferungsmaterialien und den in ihnen berichteten tatsächlichen Ereignissen zu schließen, um somit die Grundlagen für die Rekonstruktion der betreffenden Vorfälle wie auch ihr kulturelles und sozio-politisches Umfeld zu schaffen. Diese Rekonstruktionsarbeit würde nicht nur eine Annäherung an die historischen Ereignisse der Entstehungszeit des

Islam ermöglichen, sondern auch einen wichtigen Beitrag zu einer besseren Nachzeichnung der frühen Entwicklung von theologischen Vorstellungen leisten.

In diesem Zusammenhang kristallisieren sich folgende Problemfelder als Themen für mögliche Promotions- und Post-Doc-Projekte heraus, die im Austausch mit den Angehörigen des GRK aus unterschiedlichen Theologietraditionen sowie Nachbardisziplinen bestens erforscht werden könnten und eine gute inhaltliche Kooperation zwischen den beteiligten Fächern gewährleisten würden:

 

1. Problemfeld: Genese der Gründungstexte des Islam (Koran und Hadithe)

  • Korangenese (Entstehung des Korans; Verschriftlichung des Korantextes; Standardi- sierung des kanonischen Textes)
  • Hadithgenese (Entstehung der Überlieferungsgenres; Tradierungswege der Berichte; Entstehung der überlieferungsbezogenen Literaturgattungen)

 

2. Problemfeld: Frühe Geistes- und Ideengeschichte des Islam

  • Schriftverständnis (literalistische vs. metaphorische Interpretation; einschichtiges vs. mehr- bzw. vielschichtiges Textverständnis) sowie Vorstellungen vom Wesen und Charakter der koranischen Offenbarungen (exoterisch/unverschlüsselt vs. esote- risch/kryptisch)
  • Gottesbilder und -vorstellungen (immanent vs. transzendent; physitheis- tisch/anthropomorph vs. unkörperlich; kataphatisch vs. apophatisch)
    • Prophetenbild und -wirken (Beschränkung des Prophetentums auf Offenbarung oder Ausweitung auf Mohammads gesamtes Leben und Handeln; Autorität und Normativi- tät der prophetischen Handlungsweise (sunna) und ihre unterschiedliche Beurteilung)
    • Verhältnisbestimmung zwischen Koran bzw. Offenbarung und Sprache (Offenba- rungscharakter des Inhaltes unter Ausklammerung des Wortlautes vs. Offenbarungs- charakter von Inhalt und Wortlaut; das Arabische des Korans als manifestierte Form des damaligen Sprachzustandes des Arabischen vs. als gänzlich ahistorische, trans- zendente göttliche Sprache; Wortbedeutungen als göttliche, nicht-reflektierbare Vor- gabe vs. als menschliche Konvention und Produkt menschlicher Sprachentwicklung)

     

 3. Problemfeld: Komparativ-theologische Forschung bzw. Intertextualitätsforschung

  • Vergleich der isrāʾīliyyāt-Berichte mit biblischen und postbiblischen Intertexten (mit diesem Begriff deckt die islamische Tradition das komplexe Phänomen des exegeti- schen Einsatzes von biblischen und postbiblischen Wissensbeständen zur Erklärung koranischer narrativer Texte)
  • Vergleich der ǧāhiliyya-Berichte mit arabischen Inschriften bzw. Intertexten (Dabei ist hervorzuheben, dass die Rekonstruktion der betreffenden Ereignisse sowie ihres kul- turellen und sozio-politischen Umfeldes mithilfe außer-islamischer Überlieferungen, wie etwa syrischer und griechisch-byzantinischer Geschichtsquellen, christlicher und jüdisch-rabbinischer Intertexte, aber auch durch die zunehmende Veröffentlichung von Realien wie sabäischen und arabischen Inschriften, arabischen Papyri und früh- islamischen Münzaufschriften einige beachtliche Erfolge erzielt hat)