Home
deutsch english

Alte Kirchengeschichte und Patrologie

Prof. Dr. Heike Grieser

 

Das frühe Christentum

Die Anfänge des Christentums sind von einem bemerkenswerten Aufstieg gekennzeichnet: Aus einer kritisch betrachteten, mitunter verfolgten religiösen Minderheit, die sich vor allem über Abgrenzung und Distanz zu ihrer Umwelt definierte, wurde innerhalb von drei bis vier Jahrhunderten eine vernetzte, einflussreiche Großkirche, die in einer engen Beziehung zum mittlerweile christlichen Kaisertum stand. Um diese Entwicklung nachzuvollziehen, gilt es vielfältige Aspekte zu betrachten, die von den Motiven der Hinwendung zum Christentum über „Methoden“ der Christianisierung bis hin zu den sich ausbildenden gemeindlichen und kirchlichen Strukturen und Institutionen sowie den Anfängen einer kirchlichen Rechtsbildung reichen.

Im Kontext des Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“ sollen vor allem zwei Grundbedingungen früher theologischer Reflexion analysiert werden. So ließ die stets präsente Forderung nach Wahrung der eigenen Identität differenzierte Stellungnahmen zum Umgang mit der Tradition notwendig werden, während die Frage nach der Relevanz des christlichen Glaubens aktuell und situationsbedingt zu beantworten war. Christliche Denker definierten im innerkirchlichen Ringen um eine einheitliche Lehre und Praxis Kriterien der Wahrheitsbestimmung, indem sie beispielsweise auf die apostolische Tradition und Sukzession, die Schriftgemäßheit oder die Bedeutung der Konsensfindung verwiesen. Theologie entstand aber auch durch die Auseinandersetzung mit philosophischen Richtungen und deren prominenten Vertretern sowie anderen Religionen und Kulten. Christliche Lehrer wie Justin von Rom, Clemens von Alexandrien und vor allem Origenes von Caesarea präsentierten theologische Entwürfe, bei denen die Integration, Adaption und Transformation des antiken Bildungsgutes eine zentrale Rolle spielten. Obwohl das Bischofsamt seit dem zweiten Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewann und der Bischof mehr und mehr zum wichtigsten Lehrer der Theologie wurde, ist zugleich die Rolle christlicher Volksfrömmigkeit nicht gering zu schätzen. So ist z.B. die von einfachen Gläubigen und Klerikern gleichermaßen betriebene Märtyrer- und Heiligenverehrung als ein wichtiges Instrument der christlichen Prägung von Zeit und Raum zu bezeichnen. Indem die hagiographische Literatur ideale christliche Lebensentwürfe propagierte, entwarf sie neue Leitbilder, an denen sich alle Christen messen sollten. Rechtgläubigkeit, teilweise aber auch Gelehrtheit galten in diesen Kontexten häufig als elementare Voraussetzung. Schließlich leisteten die wissenschaftlich fundierten Übersetzungstätigkeiten z.B. eines Hieronymus oder Rufinus von Aquileia einen unverzichtbaren Beitrag für den Austausch zwischen östlicher und westlicher Theologie.