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Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


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Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
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Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

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Souterrain, Raum 0.153 
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C. Sonntag: 069 798 33366

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Rom-Exkursion

Montag, 20. März

Waldenser Fakultät 

Die Waldenser Fakultät sticht als evangelische Bildungsstätte in der dominant katholischen Stadt Rom sehr hervor. 

Die Konfession der Waldenser geht zurück auf Petrus Valdes, der etwa von 1140 bis 1205 gelebt hat. Diese Glaubensrichtung war von der Inquisition verfolgt worden und hatte sich in den Alpentälern verfestigt. Als die Reformation Fuß fasste, versuchten Waldenser Anschluss daran zu finden. Eine sogenannte „reformierte Kirche der Täler“ entstand. Im 19. Jahrhundert wurden viele Waldenser dann Untertanen des Königs von Italien und als reformierte Kirche in das Staatsgebiet eingegliedert.

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Prof. Vogel legte wert darauf, die Bildungsstätten als Institutionen in Kongruenz zu ihren vermittelten Inhalten zu beschreiben. Die 

Wittenberger Reformation haben mit ihrem Ausbildungsort Universität eine dafür signifikante Lehre ausgebildet. Die Calvinistische Reformation dagegen hat mit der Gründung der sog. „Prophezei“ einen anderen Typus hervorgebracht, nämlich den einer kirchlichen Akademie mit humanistischem Anspruch. Basel, Strasbourg und Genf wurden zu Ausbildungsorten. In Genf war ein Spannungsverhältnis zwischen Sozinianismus – eine antitrinatarische Bewegung, deren Namen auf ihren Hauptvertreter Lelio Sozzini zurückgeht – und der Erweckungsbewegung, deren Ziel eine gesteigerte praktische Frömmigkeit war und sich überregional ausbreitete. Dies führte zu einer Spaltung von der Staatskirche und erhob die Frage, wie zukünftig eine theologische Ausbildung zu organisieren sei. Freie kirchliche Schulen wurden in Genf und Lausanne gegründet.

Diese Entwicklungen im reformierten Glaubensspektrum hatten Auswirkungen auf die Waldenser. Zunächst besaßen diese keine eigene Ausbildungsstätte. Zur Ausbildung wurden Priesterkandidaten ins Ausland geschickt, um ein Studium in Lausanne oder Genf zu absolvieren.

Ab dem 19. Jahrhundert stellte sich die Frage des Verhältnisses von Lehre und Glauben. Kandidaten mussten Rechenschaft über ihren Glauben ablegen, um zum praktischen Dienst zugelassen zu werden. Dies wurde als „Glaubensexamen“ bezeichnet. Obwohl dieses formal weiterhin Bestand hat, hat es den Charakter eines „rite de passage“ angenommen.

Im Zuge der Entstehung Italiens als Nationalstaat, erhalten die Waldenser im Jahre 1848 volles Bürgerrecht. Das Bedürfnis eigene Lehrstätten zu organisieren kam auf. 1855 wird die Fakultät in Rom gegründet, die Ziel unseres Besuches war. Das Modell für diese Fakultät war es, eine erweckte, freie Hochschule nach dem Vorbild Genfs zu sein. Die Ausrichtung war antisozianistisch und antimaterialistisch und mit Schwerpunkt auf Frömmigkeit.

In diese Zeit fallen auch die Evangelisierungsbemühungen der Waldenser in Italien. Der numerische Erfolg blieb zwar schwach, es war aber möglich Geld für die Gründung der Fakultät zu akquirieren.

Ab den 80er Jahren hat sich die Fakultät von erwecklichen Tendenzen abgewandt und sich dem theologischen Mainstream geöffnet. Eine Annäherung an deutsche und schweizerische Großkirchen fand statt.

Die Rechtsform der Waldenser und der Fakultät ist besonders. Lange wurden sie nur geduldet als Körperschaft alten Rechts. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Studium als vollständiger Bildungsgang anerkannt. Der Abschluss bzw. der Titel wird durch die Staats-Kirchen-Verträge garantiert, obwohl die zuständige Institution das Innenministerium und nicht das Kultusministerium ist, was zu dem besagten Sonderstatus führt.

Der Studiengang funktioniert im BA/MA System. Es werden Pfarrpersonen für methodistische, baptistische, lutherische und waldensische Kirchen ausgebildet. Der zweite, praktische Bildungsgang (vergleichbar mit Vikariat in Deutschland) wird dezentral über zuständige Gemeinden organisiert.

Die interkonfessionellen Beziehungen der Waldenser Fakultät zur katholischen Kirchen waren früher auf Antithese und Rivalität angelegt. Die ökumenische Lernphase ab dem 20. Jahrhundert hat diese Antithese teilweise auflösen können. Sehr viel schwieriger gestaltet sich die Zusammenarbeit mit säkular ausgerichteten Fächern und der allgemeinen Universität in Rom. Dies ist im italienischen Setting begründet, welches Theologie nicht als Wissenschaft rezipiert, sondern als reine Heranführung an praktische Frömmigkeit und Ausbildung. 

Tabea Kraaz

 

Dienstag, 21. März

Radio Vatikan

Rom-Exkursion_01

Pater Hagenkord SJ, der die deutschsprachige Redaktion von »Radio Vatikan« leitet, stellte zunächst die Institution und ihre Arbeit vor. In Abgrenzung zu anderen katholischen Sendern sei es das Anliegen der öffentlich rechtlichen Rundfunkstelle des Papstes über das, was in und um (meint hier global) den Vatikan geschieht, zu berichten. Angesprochen werden sollen aber nicht nur Katholiken, sondern auch „Leute, die nicht katholisch sprechen“. Die Institution versteht sich dabei nicht als Verkündigungs-, sondern als Informationssender. P. Hagenkord äußerte sich kritisch gegenüber einem Theologiesieren, das den Anschluss an das konkrete Bedürfnis des Menschen nach Bildhaftem aus den Augen verloren hat. Papst Franziskus gebe mit seiner Inkulturation von Theologie in die Gesellschaft ein Vorbild, indem er nicht mehr zu verstehende Symbole ablege, aber anhand rezipierter Symbole weiterhin Theologie kommunizierbar mache. 

 Friederike Eichhorn-Remmel

 

Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl

In der Deutschen Botschaft wurden wir freundlich von Botschaftsrat Oliver Wahl empfangen. Er teilte uns mit, dass die Botschafterin Annette Schavan kurzfristig verhindert sei und er daher das vereinbarte Gespräch mit uns führen werde. Wahl ist katholischer Priester und in seiner Diözese Rottenburg-Stuttgart freigestellt, um als Geistlicher Botschaftsrat, d.h. als Staatsbeamter, an der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl zu arbeiten. Als vorbereitende Lektüre hatten wir die 2010 veröffentlichten Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen gelesen, die zugleich auch den inhaltlichen Rahmen dieses Austausches abstecken sollten.

Zunächst stellte der Botschaftsrat 12 Thesen vor, in denen er seine Position zur Situation der Katholischen Theologie als Wissenschaft umriss. Wahl konstatierte die neue Relevanz von Religion und Theologie, zeigte sich aber zugleich skeptisch gegenüber einer einseitig praxis- und ergebnisorientierten Ausrichtung des Faches. Er kritisierte u.a. das „Kirchturmdenken“ vieler deutscher Bischöfe, das dazu führe, dass jahrhundertealte theologische Institutionen in Rom, bspw. der Campo Santo, vor dem Aus stünden, weil die Zahlungen aus Deutschland zurückgingen. Auch die dieser Haltung entspringende Position der katholischen Kirche in Deutschland zum Fortbestand der Katholisch-Theologischen Fakultäten in Deutschland kritisierte Wahl: „Was bringen Staatskirchenverträge, wenn ich sie nicht mit Leben füllen kann?“, fragte er. Auch die interdisziplinäre und wissenschaftspolitische Unbeweglichkeit der Bildungskongregation war Gegenstand seiner Kritik. Weiterhin brachte er seine Skepsis bezüglich der Struktur von Promotions- und Habilitationswegen zum Ausdruck. Diese brächten einen Zwang zu wissenschaftlichen Nischenthemen mit sich und seien daher für inhaltlich bedeutungslose Themenschwerpunkte bei Nachwuchswissenschaftlern mit verantwortlich. Die anschließende Diskussion war lebendig, facettenreich und kontrovers. Tim Sievers brachte seine Irritation über das sakrale Erscheinungsbild der Botschaft und den Empfang durch einen Priester der Katholischen Kirche zum Ausdruck. Daraufhin erläuterte Botschaftsrat Wahl die historischen Reminiszenzen der Botschaftsarchitektur und seine eigene Rolle als Priester in Diensten eines säkularen Staates. Als Sievers mit der Frage nach der Relevanz dieses Arrangements für den nicht-katholischen Teil der deutschen Gesellschaft nachsetzte, entspann sich eine längere Diskussion um die gesellschaftliche Rolle und Bedeutung von Kirche und Theologie. Der Botschaftsrat kontrastierte das harmonische Verhältnis von Kirche und deutschem Staat mit der von wechselseitigen Feindseligkeiten bestimmten Situation in vielen Ländern Osteuropas. Er sehe es als Aufgabe dieser Botschaft, im Vatikan für Pluralismus zu werben, weil diese Haltung eher der deutschen Gesellschaft entspreche. Prof. Dirk Ansorge nahm daraufhin auf die zuvor bei unserem Besuch bei Radio Vatikan von P. Hagenkord SJ vertretene These Bezug, wonach die Theologie als Wissenschaft schon längst ihre gesamtgesellschaftliche Relevanz eingebüßt habe. Ansorge machte deutlich, dass die Theologie seiner Einschätzung nach als eine Stimme unter vielen wahrgenommen werde. Wahl betonte die immense Bedeutung, die das Thema Religion mittlerweile, gerade auch für die italienische Politik, habe. Prof. Claus Arnold teilte diese Einschätzung nur bedingt. Er gab zu Bedenken, dass die akademische Konjunktur des Faches Theologie mittlerweile wieder am Abklingen sei, u.a. auch weil sich die Religions- und Kulturwissenschaften erfolgreich als kompetente Beratungsinstanzen der Politik positionierten und dort wiederum starke Aversionen gegen das Fach Theologie vorherrschten. Wahl bestätigte eine solche theologiefeindliche Haltung auch bei vielen Institutionen der EU. Nach seiner Einschätzung habe der aufkeimende Fundamentalismus und Populismus in Europa seine Wurzeln in der Identitätskrise pluraler Gesellschaften. Hier habe auch das über 30 Jahre andauernde lehramtliche Bremsen in der theologischen Dynamik seine Spuren hinterlassen. Mit Blick auf die Gegenwart bringe es die Botschafterin so auf den Punkt: "Franziskus stößt Türen auf, doch viele Leute stellen bequeme Stühle auf, damit die Menschen nicht in Bewegung kommen." Die Angst vor notwendigen innerkirchlichen Veränderungsprozessen sei gegenwärtig sehr ausgeprägt. Simon Neubert brachte in diesem Zusammenhang das Thema der viri probati ein. Nach Einschätzung von Wahl wäre jetzt aus römischer Sicht ein guter Zeitpunkt, Veränderungen bei den Zulassungsbedingungen zum Priester- und Diakonenamt zu erwirken, doch sei die Deutsche Bischofskonferenz in dieser Frage dauerhaft blockiert. Auch die von Wahl vertretene These, dass 5 umfassend ausgestattete katholische Fakultäten in Deutschland ausreichten war Gegenstand einer lebhaften Debatte. Nadine Breitbarth bezweifelte, dass bei diesem Modell eine flächendeckende Ausbildung von Lehramtsstudierenden gewährleistet werden könne. Arnold gab zu bedenken, dass auch in anderen Fächern, etwa in Medizin oder Jura, Fakultäten vordergründig der Ausbildung (und nicht der Forschung) dienten, eine kirchliche Planwirtschaft auf die Ebene der theologischen Ausbildung jedoch höchst problematisch sei. Friederike Eichhorn-Remmel machte deutlich, wie weltfremd die wissenschaftliche Diskriminierung des Lehramtsstudiums im Fach Theologie sei. Lisa Wichern kritisierte die von Wahl konstatierte Dichotomie von Wissenschaft und Glaube im Theologiestudium. Ansorge skizzierte das Anliegen unseres Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“ als Pilotprojekt, um unterschiedliche Disziplinen und Religionen im Hinblick auf die jeweiligen Formen wissenschaftlicher Reflexivität miteinander ins Gespräch zu bringen. Arnold vertrat die Ansicht, dass die Theologie in Deutschland die Herausforderungen der Gegenwart seiner Wahrnehmung nach im Blick habe. Er wünsche sich daher statt des verklärenden Blicks auf die Vergangenheit eine differenzierte Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation, in der die institutionelle Unklarheit über die Zukunft der wissenschaftlichen Theologie für viele Theologen ein großes Problem darstelle. Blockaden gebe es zwar auch auf Seiten der islamischen oder protestantischen Theologie, doch spräche aus seiner Sicht viel für eine Entwicklung in Analogie zu amerikanischen Fakultäten, wo konfessionelle Theologie an konfessions- und religionsverbindenden Fakultäten betrieben werde. Sievers und Wahl stimmten schließlich darin überein, dass das interessengeleitete Vorgehen wissenschaftlicher Akteure ein großes Problem nicht nur innerhalb der christlichen Theologie darstelle. Daher erscheine insbesondere das vom deutschen Wissenschaftsrat bei der Etablierung islamisch-theologischer Institute und Lehrstühle favorisierte Beiratsmodell höchstproblematisch. Gerade auch die ambivalenten Erfahrungen mit dem katholischen Lehramt auf Seiten der katholischen Theologie unterstreichen Sievers zufolge diese Einschätzung.

Simon Neubert

 

Kongregation für die Glaubenslehre

Nach Erzbischof P. Luis Ladaria, Sekretär der Kongregation für Glaubenslehre, ist die Glaubenskongregation – wie die ganze Kurie -- eine Hilfe für den Papst, der sich nicht selbst um die gesamte Verwaltung der katholischen Kirche kümmern kann. Die Aufgabe der Glaubenskongregation besteht darin, den Glauben mithilfe von Studien zu fördern und zu verteidigen, wobei für letzteres angeblich selten Anlass ist. Da Glaube und Sitte zusammengehöre, müsse sich die Glaubenskongregation mit Verbrechen wie Kindesmissbrauch – das erst seit 2001 – durch Priester oder Verstöße gegen die Heiligkeit der Sakramente beschäftigen. In der Glaubenskongregation wird ein an sie herangetragenes Problem in drei Stufen untersucht. Zunächst von wissenschaftlichen Kirchenrechtlern und Theologen, dann von Professoren verschiedener Fakultäten und zuletzt von Kardinälen und Bischöfen. In den letzten Jahren ist die Glaubenskongregation von Dogmenentwicklungen geprägt worden. 

Lisa Marie Wichern

 

Mittwoch, 22. März

Cardinal Bea Centre for Judaic Studies

 

Prof. Dr. Philipp Renczes lehrt an der Gregoriana Patristik und Dogmatik und leitet das Cardinal Bea Centre für Judaic Studies, das 2001 gegründet wurde und Verbindungen zur Hebrew University in Jerusalem und zur jüdischen Gemeinde in Rom pflegt. Jährlich kommen mehrere Gastwissenschaftler aus Jerusalem nach Rom. Das Cardinal Bea Centre beschäftigt sich mit jüdischen Studien und Besonderheiten jüdisch-christlicher Beziehungen. Während unseres Besuchs entstand eine Diskussion über das Lesen jüdischer Texte aus einer katholischen Sicht. Hierbei stellt sich die Frage nach dem Lesen mit einer “katholischen Brille” oder Vereinnahmung und Nutzung der rabbinischen Literatur für die eigene Religion. So konnten am Vormittag bei Diskussionen im PISAI aufgekommene Gedanken noch einmal aufgegriffen werden.

Lisa Marie Wichern

 

Donnerstag, 23. März

Biblicum

Rom-Exkursion_02_Rand_reIm 1909 gegründeten päpstlichen Bibelinstitut an der Gregoriana empfing uns Herr Prof. Sievers, der seinen wissenschaftlichen Fokus auf die Geschichte und Literatur des Judentums der hellenistischen Periode gelegt hat. Zunächst referierte Sievers die Genese des Institutes, welches ursprünglich als Einrichtung gegen die protestantische Exegese angelegt wurde, sich aber alsbald einer Zusammenarbeit in der Erforschung des Neuen und Alten Testamentes nicht mehr entziehen wollte. Auch die innerkatholische Gegengewichtung zur franziskanischen École biblique in Jerusalem wurde mit dem II. Vaticanum zur komplementären Zusammenarbeit umgewandelt. Das ökumenische Moment, das der Entwicklung des Institutes wesentlich ist, bestimmte auch unser weiteres Gespräch, das sich einerseits mit der Frage nach der Synkoinonia von Kirche und Judentum, andererseits mit der Herausforderung polyreligiösen Lernens (Balance zwischen »Von-einander-Lernen« und »die-eigene-Identität-bewahren«) beschäftigte. 

 Friederike Eichhorn-Remmel

 

Päpstlicher Rat für den interreligiösen Dialog 

Nach dem intensiven Gespräch am Päpstlichen Bibelinstitut über den christlich-jüdischen Dialog begleitete uns Prof. Josef Sievers freundlicher Weise bis zum Eingang des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog auf der Via della Conzilliazione. Dort wurden wir von Dr. P. Markus Solo SVD freundlich empfangen. Da Solo in Innsbruck sein Doktorat erworben hatte, konnte das Gespräch auf Deutsch stattfinden. Nach der üblichen kurzen Vorstellungsrunde erklärte uns der von der indonesischen Insel Flores stammende Steyler Missionar die Struktur des Rates und die Verteilung der Zuständigkeiten. Seine Hauptaufgabe sei die Beobachtung und Förderung des islamisch-christlichen Dialogs in Asien und Ozeanien. In dieser Funktion ist er u.a. auch für die „Nostra Aetate-Stipendien“ zuständig, die Nicht-Christen eine Möglichkeit bieten an den päpstlichen Hochschulen in Rom zu studieren. Nach der kurzen Einführung legte Solo in einem ausführlichen Vortrag die katholische Theologie des interreligiösen Dialogs vor, wobei er schwerpunktmäßig auf Nostra Aetate und das von uns vorbereitete Dokument Dialog und Verkündigung aus dem Jahr 1991 einging. Solo betonte mehrfach, dass das Ziel des interreligiösen Gesprächs darin bestehe, Frieden zwischen den Anhängern verschiedener Religionen zu stiften und zu einer konstruktiven Zusammenarbeit, etwa bei der Bewältigung sozialer und politischer Herausforderungen zu finden. Der Dialog solle in einem Klima der Freiheit und Offenheit geführt werden. Er solle Freundschaft, gegenseitiges Zuhören und wechselseitigen Respekt fördern. Es gehe um einen Dialog der Reziprozität, der Lernbereitschaft auf beiden Seiten voraussetze und in dem die katholischen Vertreter eher abwartend als übereifrig agieren sollten. Auf keinen Fall solle der Wahrheitsanspruch des anderen relativiert werden. Vielmehr solle die Konkurrenz der Wahrheitsansprüche der Ausgangspunkt für interreligiöses Lernen sein. Solo versteht den interreligiösen Dialog vor dem Hintergrund von Dignitatis humanae als eine Weise, auf dem Wege der freien Forschung und mit Hilfe des Lehramtes, sich der Erkenntnis einer Wahrheit zu nähern, die wiederum der persönlichen Zustimmung bedarf. Echter Dialog bedeute, dass die Gesprächspartner den Willen zur Wahrheitsfindung mitbringen, der auch die Offenheit für eine Selbstverwandlung miteinschließt. So habe sich Solo „in der Begegnung mit den anderen besser als Christ entdeckt".

Ausführlich erörterte Solo das Verhältnis von Mission und Dialog, wobei er auch die Widersprüchlichkeiten lehramtlicher Äußerungen erkennen ließ, ohne diese jedoch gesondert zu diskutieren. So erwähnte er etwa die päpstliche Enzyklika Redemptoris missio in welcher der Dialog zumindest in bestimmten Fällen als eine Methode der Mission bestimmt wird, als eine Strategie der Verkündigung. 

Den Schwerpunkt seiner Präsentation legte der konzentriert vortragende Pater jedoch auf die Rezeption des in Nostra Aetate angedeuteten und in Dialog und Verkündigung entfalteten Modells. Das traditionell verstandene Missionsverständnis, wonach Mission als Werbung für den christlichen Glauben verstanden und der Dialog immer auf Mission hingeordnet werde, sei obsolet. Wenn heute von Dialog und Verkündigung die Rede sei, dann scheine darin eine doppelte Aufgabe der einen Sendung des Christen auf. Nostra Aetate betone gleich am Anfang des Dokuments die Notwendigkeit eines Dialogs für Frieden und Gerechtigkeit. Gaudium et spes benenne die Solidarität mit den Armen als „Zeichen der Zeit“. Dignitatis humanae betone die Religionsfreiheit. Solo führte weiter aus, dass sich daraus drei Paradigmen und vier Typologien des interreligiösen Dialogs ableiteten. Die drei Paradigmen: 1. Dialog ist Zeugnis für den eigenen Glauben, 2. Dialog setzt die Offenheit für den anderen voraus, 3. Jeder Christ hat den Auftrag, Zeichen und Werkzeug der Einheit der Welt und des Friedens zu sein. Die vier Typen des Dialogs: 1. Der Dialog des Lebens. Hier geht es laut Solo darum, mit Menschen in offener und nachbarschaftlicher Atmosphäre zusammenzuwohnen, ihre Freude und ihr Leid zu teilen; 2. Die Zusammenarbeit für Frieden und Gerechtigkeit; 3. Den Dialog des theologischen Austausches im Dienst des wechselseitigen Verstehens; und 4. Den Dialog der religiösen und spirituellen Erfahrung.

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Auf die Rückfrage von Simon Neubert hin machte Solo deutlich, dass der Dialog des Lebens am besten gelinge. Der eigentliche Dialog finde damit dezentral, in lokalen Initiativen auf der Ebene der Ortskirchen statt. Die Aufgabe des Päpstlichen Rates bestehe darin, dem Papst „zentripetal und zentrifugal“ zu helfen, als „Bürokraten und Diplomaten“ die lokalen Kirchen zu unterstützen und größere Initiativen zu koordinieren. Solo hob hervor, dass sich unter Papst Franziskus nichts an der Position der Katholischen Kirche zum interreligiösen Dialog geändert habe. Interreligiöse Begegnungen und Freundschaften seien dem Papst wichtig. Christen seien dazu berufen „Handwerker des Friedens“ zu sein, die Wege zum Dialog eröffnen und nicht neue Mauern bauen sollten. Friederike Eichhorn-Remmel fragte nach dem Einfluss des Rates auf die Politik und nach der Rolle der akademischen Theologie für den Dialog. Solo machte klar, dass der politische Einfluss seiner Behörde überaus gering sei, weil Religion und Politik zwei separate Bereiche seien. Die Rolle der Theologie ist aus seiner Sicht zentral für den interreligiösen Dialog, weil dieser sonst kein Fundament hätte. Insbesondere Papst Benedikt XVI habe auf der Ebene der Theologie wichtige Akzente gesetzt, so Solo. „Feinde im Dialog der Religionen“ gäbe es nämlich zuhauf: „Synkretismus, Indifferentismus, Relativismus“ etc. Dialog der Religionen setze eine klare eigene Identität voraus und hierfür spiele die theologische Auseinandersetzung eine entscheidende Rolle. Er verband seine Ausführungen mit der emphatischen Aufforderung: „Hören Sie nicht auf Theologie zu betreiben!“

Anschließend reagierte Tim Sievers in einem kritischen Statement auf das bisher gesagte: Zunächst hob er lobend hervor, dass ihm als islamischen Theologen nun endlich die Brisanz des Missionsthemas deutlich geworden sei. Die Spannung bestehe Sievers zufolge darin, dass der Dialog einerseits die Evangelisierung des Gegenübers als Zweck habe und andererseits gegenseitigen Respekt zum Ziel habe. Er fragte: „Was ist das aber für eine Form von Offenheit, die den anderen zum eigenen machen will?“ Aus seiner Sicht ist etwa Liebe im Islam nicht so zentral, wie das vielleicht vom Christentum vorausgesetzt werde. Das zeige, dass der Blick auf andere Religionen trotz aller guten Absichten stark von der eignen Perspektive geprägt sei. Für Sievers sei es außerdem nicht nachvollziehbar, warum der Dialog mit dem Judentum beim Rat für die Einheit der Christen angesiedelt sei, während der Dialog mit dem Islam gemeinsam mit den anderen Weltreligionen beim Rat für den Interreligiösen Dialog betreut wird. Solo betonte in seiner Antwort, dass aus seiner Sicht das Ziel des Dialogs nicht in der Bekehrung des Gegenübers bestehe. Er verwies auf den Paradigmenwandel, der infolge von Nostra Aetate in der Missionstheologie und der Theologie der Religionen stattgefunden habe. Sehr wohl dürfe und müsse jedoch das Zeugnis vom eigenen Glauben aus Gründen der Authentizität in einem interreligiösen Dialog Raum haben. Die unterschiedliche institutionelle Zuordnung von jüdisch-christlichen und islamisch-christlichen Dialog möchte Solo nicht als Geringschätzung des Islam verstanden wissen. Er verwies darauf, dass der Rat für die Einheit der Christen gleich im Gebäude nebenan untergebracht sei und die Tür des Büros für den Dialog mit dem Judentum damit direkt neben den eigenen Büros lägen. Schon räumlich werde dadurch deutlich, was inhaltlich gelte: die Tür zu den Kollegen im Nachbarbüro stehe immer offen. Zur Frage der Liebe im Islam merkte Solo an, dass die Antwort namhafter Vertreter der muslimischen Welt auf Papst Benedikts Regensburger Rede klarstellte, dass die "Liebe zu Gott" auch im Islam ein zentrales Thema sei, woraufhin dann im Jahr 2008 das katholisch-islamisches Forum entstanden sei. Drei ebenfalls kritisch nachhakende Fragen stellte Wael Abbas. Unter Bezugnahme auf das von ihm als muslimischen Theologen aufmerksam studierte Dokument Nostra Aetate fragte er, ob der Respekt gegenüber Muslimen nur im Hinblick auf die Gemeinsamkeiten gelten solle, was er für problematisch, weil respektlos, halte. Weiterhin verstehe er nicht, warum in dem Text die Fehler der Kirche gegenüber dem Islam nicht in gleicher Weise konkretisiert würden, wie dies im Absatz über das Judentum der Fall sei. Schließlich wollte Abbas wissen, ob der Päpstliche Rat für den interreligiösen Dialog eine vermittelnde Rolle bei der Verfolgung der Muslime in Myanmar spiele. Solo, der sich über die „vielen guten Fragen“ sichtlich freute, erklärte, dass der eigene Absatz über den Islam vor dem Hintergrund der Entstehung des Konzilsdokuments eine theologische Auszeichnung darstelle. Da das Dokument insgesamt knapp angelegt ist, sei eine ausführlichere Behandlung der Schuld gegenüber dem Islam an dieser Stelle nicht möglich gewesen, was jedoch später etwa bei dem Schuldbekenntnis von Johannes Paul II nachgeholt wurde. Die Fehlhaltungen gegenüber dem Judentum seien schlicht besonders gravierend gewesen, so dass Nostra Aetate an dieser Stelle konkreter wurde. Prof. Dirk Ansorge, der die lebhafter werdende Diskussion gut moderierte, warf an dieser Stelle ein, dass die immer wieder thematisierten Kreuzzüge aus seiner Sicht „kein Krieg gegen Muslime" gewesen seien. Im Hinblick auf Myanmar berichtete Solo, dass die Lokalkirchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr wohl versuchen würden zu vermitteln, dass es sich aber, wie bei den meisten vermeintlichen Religionskriegen, im Kern um einen politischen Konflikt handeln würde, in dem die Religion manipulativ eingesetzt werde. 

Der nun sichtlich gelöst wirkende Gastgeber brachte wiederholt seine Dankbarkeit für das anregende Gespräch zum Ausdruck und richtete ein letztes Wort an uns als Wissenschaftler: "Alles Gesagte verfliegt. Alles Geschriebene bleibt."

Simon Neubert

 


Freitag, 24. März

Pontificio Istituto Orientale

Rom_3Den letzten Gesprächstermin unserer Exkursion hatten wir im Päpstlichen Orientalischen Institut, einer Katholischen Hochschule kanonischen Rechts, bestehend aus den Fakultäten Östliches Kirchenrecht und Studien zur östlichen Kirche. Als Gesprächspartner begrüßte uns Pater Edward Farrugia, SJ, Professor für Dogmatik und Patrologie. Zügig wurden wir in einen der Vorlesungssäle des Instituts geführt, der im Gegensatz zum durchdesignten Internetauftritt (https://unipio.org/en/) doch recht antiquarisch daherkam. Der Vorlesungssaal sollte sich aber als passender Ort für die folgenden 30 Minuten erweisen, insofern sich Pater Farrugia eher mit einem belehrenden Vortrag, denn mit einem Gesprächsangebot an uns richtete. Inhaltlich wurde ein Schnellritt durch die Theologiegeschichte des Christentums geboten, beginnend bei den frühchristlichen Apologeten des zweiten Jahrhunderts. Ein Blick auf die Geschichte zeige, so die eindringliche Botschaft des Redners, das jedes theologische Bemühen auf die Einheit von Wort und Tat, also auf die Einheit von Dogma und der Spiritualität des Tuns, hinauslaufen müsse – die Wahrheit sei nun einmal die Wahrheit.    

Im Anschluss führte uns Pater Farrugia durch die Räumlichkeiten des Instituts, das neben einer Kapelle und einer kleinen Gartenanlage vor allem eine hervorragend bestückte Bibliothek samt Festsaal aufzuweisen hat.   

Nadine Breitbarth