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Dr. George Y. Kohler

Dr. George Y. Kohler hat in der Masterclass am 7. Februar 2017 die Grundlinien seines derzeitig für ein EU-Projekt vorbereiteten Forschungsprojekts „Textgebundene Eigenart einer jüdischen Theologie“ vorgestellt. Anders als im christlichen Raum wird im Judentum bis heute die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Theologie oft und Kohler2weitgehend bestritten. Ausgehend von der These der ‚Dogmenlosigkeit’ des Judentums und in der Folge von Mendelssohns berühmter Trennung von philosophischer und religiöser Wahrheit am Eingang der jüdischen Moderne gilt noch heute in der Judaistik die Beschäftigung mit theologischen Fragen vielfach als ‚unwissenschaftlich’. Judentum, verstanden als Religion der Tat, der praktischen Gebotsbefolgung, wäre in diesem Sinne nicht auf religionsphilosophische oder theologische Fundierung angewiesen – derartige Theorien sind vielleicht eine lohnende intellektuelle Nebenbeschäftigung des religiösen Juden, haben aber mit dem ‚Wesen des Judentums’ wenig zu tun.

Das Forschungsprojekt will sich dieser Auffassung entgegenstellen und zeigen, wie aus den wichtigsten Text-Corpora der jüdischen Literatur eine jüdische Theologie erarbeitet werden kann, die wissenschaftlichen Kriterien standhält und dabei eindeutig jüdisch-religiöse Identitätsmerkmale beschreibt: der hebräischen Bibel, der talmudischen Literatur, und der jüdischen Liturgie. Der inhaltliche Rückbezug auf diese corpora, im Gegensatz etwa zu einer dogmatischen oder abstrakt-philosophischen Herangehensweise, prägt in entscheidendem Maße die strukturelle und entstehungsgeschichtliche Eigenart jüdischen Theologie. Die gemeinhin anerkannten Grundsätze jüdischer Theologie entstanden mehr aus den diesen Texten innewohnenden ‚suggestiv wirkenden Stimmungen’ (Max Wiener) als aus logischen Gründen. Die ständig schwankenden Dogmen des Judentums waren daher nicht ‚von oben’, einer autoritären kirchlichen Institution diktiert und überwacht, sondern von unten nach oben gewachsen, vornehmlich aus der kontinuierlichen und exzessiven Lektüre und Rezeption religiöser Text-corpora, die ihrerseits keinerlei systematische Theologie enthielten und die sich größtenteils ihre religionsgesetzlichen Gültigkeitsansprüche selbst gewährt hatten.

Aus dieser eigenständigen Ausgangssituation jüdischer Theologie ergeben sich eine Reihe von Konsequenzen, die die grundsätzliche Frage nach der wissenschaftlichen Möglichkeit einer jüdischen Theologie zu untersuchen hat, ohne zunächst auf deren Inhalte einzugehen. Folgende Thesen gelten als Richtlinien in diesem Sinne:  Auch im Judentum herrscht zwar allgemein die Annahme der Existenz von unumstößlichen Glaubenswahrheiten, allerdings ist es ein wesentliches Merkmal jüdischer Theologie, dass die Grenzen zwischen universell geltenden religiösen Wahrheiten und denen, die vom Laufe der Zeit und sozialen Umständen abhängen, immer fließend waren. Auf Grund ihrer undogmatischen, text-gebunden Herkunft kann jüdische Theologie daher nur als eine Ideengeschichte geschrieben werden, nicht als Mitgliedsschafts-Voraussetzung für den einzelnen Gläubigen im Judentum. Jüdische Theologie beschreibt nicht abgeschlossene Wahrheit, sondern die sich aus dem täglichen Studium relevanter corpora (Bibel, Talmud, Liturgie) entwickelnde Ideen des Judentums, sie stellt lediglich Hypothesen auf, deren gesellschaftlicher Gehalt und deren philosophische Gültigkeit wissenschaftlich überprüft werden sollen und müssen.

Ein klassisches „Dogma“, wobei die Verwendung dieses Begriffes in einer jüdischen Theologie schon zu hinterfragen ist, stellt die Heiligkeit der Thora dar. Aus der Verschwommenheit dieses Dogmas leitet Herr Kohler die „Fiktion der Heiligkeit“ ab, die das Fundament sämtlicher Ableitungen ist. Kohler nennt vier Punkte, bei denen das Judentum nicht mehr ohne Theologie auskommt, sofern man der Prämisse folgt, dass die Halacha auch weiter entwickelt werden soll:

  1. Status des Nichtjuden und Form des Umgangs
  2. Verhältnis zu Ketzertum: Abgrenzung jüdisch – nicht-Jüdisch
  3. Position von Frauen
  4. Schoah/Gründung Israels

In der lebhaften Diskussion wurde die Frage nach einer Notwendigkeit der Theologie sowie das Verhältnis von Religionsphilosophie und Theologie hinterfragt.