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Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

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Koordination:

Corinna Sonntag


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 1, IG

Norbert-Wollheim-Platz 1
60629 Frankfurt am Main

 

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Campus Westend
IG-Farben-Haus
Norbert-Wollheim-Platz 1
60629 Frankfurt am Main
Raum: NG 1.713 und IG 1.511

 

C. Sonntag: 069 798 33366

Sprechzeiten:

Di 11-13 Uhr

Do 11-13 Uhr

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"Muslims and Jews – Living Together for 450 Years”

Jakob Finci, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde BuHs

Mit Jakob Finci, dem Präsidenten der Jüdischen Gemeinschaft von Bosnien und Herzegowina, konnten die Teilnehmenden der Summer School des GRK Theologie als Wissenschaft einen wichtigen wie beeindruckenden Repräsentanten der Jüdischen Gemeinschaft  als Gast gewinnen. Der 74-jährige Jurist wurde im italienischen KZ Rampor (Rab, Kroatien) als Sohn sephardischer Eltern geboren. Das gesellschaftliche Engagement Fincis reicht von seinem Ehrenamt in der Jüdischen Gemeinde über die NGO La Benevolencija bis hin zum Interreligious Council of Bosnia Herzegovina sowie zur Teilnahme im Bobsport bei den Olympischen Winterspielen in Sarajevo 1984. Neben seinen Tätigkeiten als Jurist lehrte er an der UN University sowie an der Universität Sarajevo und war Botschafter seines Landes in der Schweiz.

 

In seinem Vortrag berichtete Finci von der jahrhundertelangen Geschichte der Juden in Bosnien-Herzegowina: Nach der Vertreibung der Juden 1492 beginnt diese 1565 mit den ersten zehn Familien im Bosnien der Osmanischen Reiches, das sich offen für die fliehenden sephardischen Juden zeigt. Eine dieser Familien hat die bekannte „Sarajevo Haggada“ mitgebracht, die mit ihrem Ursprung auf der Mitte des 14. Jahrhunderts als eine der ältesten sephardischen Haggadot (Gebetbuch für Pessach) gilt und noch heute in Sarajevo besichtigt werden kann. 1581 wurde die Alte Synagoge in Sarajevo erbaut, die heute nur ein paar hundert Meter von einer Moschee sowie von einer Kirche entfernt steht. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts, so erzählt Finci, gibt es für die Juden von Sarajevo zusätzlich zum jüdischen Feiertag Purim ein „Purim De Sarajevo“, das an eine wunderhafte Rettung in Sarajevo erinnert. Während im Jahr 1819 der Osmanische Herrscher Ruzdi Pasha  13  der wichtigsten Juden Sarajevos gefangen nahm und drohte, diese zu ermorden, wenn sie nicht gegen Lösegeld freigekauft werden würden, ging ein Aufruhr auch durch die muslimische Gemeinde, und der Legende nach forderten nicht weniger als 3000 Muslime vor dem Haus Rashas die Freilassung der Juden. Dieser gab dem öffentlichen Druck nach, und seitdem erinnern die Juden in Bosnien-Herzegowina an diese nachbarschaftliche Rettung mit einem eigenen Purim-Fest.

 

Während vor 1945 ca. 14.000 Juden und Jüdinnen in Bosnien und Herzegowina lebten, wurden durch die Shoa 10.000 jüdische Menschen ermordet. Nach dem Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden  wanderten die meisten der Überlebenden nach Israel aus, ebenso wie nach dem Ausbruch des Bosnienkrieges. Währenddessen führte Finci die jüdische NGO La Benevolencija fort und konnte mit bis zu vier Apotheken im Stadtgebiet Sarajevos während der Belagerung jüdische wie nichtjüdische Bewohner mit Medikamenten versorgen. Nach dem Krieg leben heute noch ca. 1.000 Jüdinnen und Juden in Bosnien und Herzegowina in – neben Sarajevo – insgesamt fünf Gemeinden.

 

Obgleich Finci von seiner erfolgreichen interreligiösen Arbeit in Sarajevo mit Begeisterung erzählen konnte, muss sein Engagement in einer anderen Sache einen langen Atem haben: Weil die höchsten Staatsämter in Bosnien-Herzegowina laut Verfassung  nur durch die drei ethnischen Majoritäten ausgeführt werden dürfen – Bosnier, Serben und Kroaten – und nicht durch andere Minderheiten, reichte er zusammen mit einem Vertreter der Roma eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg  ein. „The Finci-Case“ wurde 2009 gewonnen, jedoch wurde die Verfassung auch bislang noch nicht geändert, um die  wahlrechtliche Diskriminierung von Minderheiten zu beenden und auch ihnen Zugang zu allen politischen Ämtern zu gewähren.

 

Nicht zuletzt war der Besuch eines Kabbalat-Shabbat-Gottesdienstes am Freitagabend in der Neuen Synagoge von Sarajevo, zu dem Finci eingeladen hatte, für eine Gruppe der Stipendiat*innen ein weiterer Höhepunkt der Summer School.

 

Jonas Leipziger M.A.

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg / Universität Heidelberg