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Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

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Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

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Predigt im Krieg –
Verkündigung als öffentliche Artikulation von Theologie

Erste Sitzung der Arbeitsgruppe der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie e.V. – Sektion Kirchengeschichte - vom 15.-16. 4. 2016 in Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit dem Graduiertenkolleg 1728 von Judith Dieter und Eleonore Schulz

Im Kontext der Erinnerungs- und Gedenktagungen zum 1. Weltkrieg soll die Kriegspredigt – und mit ihr auch andere kirchliche/religiöse Äußerungen zum und im ersten Weltkrieg – zum Gegenstand kirchengeschichtlicher Forschung gemacht werden. Im konfessionellen Bewusstsein evangelischer Christen, freilich auch in deren Außenwahrnehmung, vollzieht sich ein wesentlicher Teil kirchlich-religiöser Kommunikation im Medium der Predigt. Workshop "Predigt im Krieg_Bild1Gleichwohl ist diese Quellengattung bisher nur selten oder gar nicht als historische Quelle und veritables Genre tagesaktueller Zeit- und Wirklichkeitsinterpretation traktiert worden. Die Untersuchung von Predigten/religiösen Reden erlaubt die differenzierte Rekonstruktion von kirchlich religiösen Aussagen zum Zeitgeschehen, damit verbunden aber auch zu den Kommunikationsstrukturen im Medium der Predigt und ihrer Transformation im Zuge der vielfältigen und nicht-institutionellen Prozesse der Etablierung konfessioneller bzw. religiöser Identität im Laufe der Jahrhunderte. Die Fragestellungen, die im Rahmen der geplanten Forschungsinitiative erarbeitet werden sollen, eignen sich besonders für die interdisziplinäre und auch interreligiöse Arbeit, da die Bedeutung dieser Quellengattung im fachwissenschaftlichen Diskurs nur sehr vorläufig erschlossen werden konnte. Die im Zuge dieser Tagung zu leistende Methodenreflektion bietet zahlreiche Anschlussmöglichkeiten zu fachspezifischen Forschungsvorhaben und -projekten.

Folgende Fragen stehen dabei im Vordergrund:

1. Die Predigt in Rede und Schrift – hermeneutische Vorüberlegungen:

2. Fachspezifische und konfessions- sowie religionsabhängige Zugangsweisen:

3. Predigt als religiöse Rede und theologisch verantwortete Zeitansage:

4. Predigttheorie/Homiletik

5. Predigt und Krise/Predigt im Krieg

In der Erwartung vieler Menschen gehört die kirchliche Begleitung von Menschen in Krisen zu ihren zentralen Identitätsmarkern. Ein Ausdruck davon kann die Predigt sein, der insofern in Krisenzeiten schon material eine hohe Bedeutung zukommt. Diese wird verstärkt durch Inszenierungen bestimmter theologischer Krisenbewältigungsstrategien im Medium der öffentlichen Predigt/Rede. Dies dürfte auch im interreligiösen Vergleich analog ausfallen.

 

Einleitung

Neben einem knappen historischen Überblick erläuterte Markus Wriedt zunächst grundlegende Fragen im Umgang mit dem riesigen Quellencorpus. Vor dem Hintergrund der bisherigen Forschung in der ev. Theologie (Pressel, Greschat, Brakelmann) erscheinen nachfolgende Gesichtspunkte bedenkenswert:

  1. Im Blick auf die Quellenauswahl:
  • So betonte er den Blick auf Predigten auch in der Zeit vor und nach 1914-1918 zu richten. Wie wurde vor dem Krieg gepredigt? Was hat sich unter dem Eindruck von Kriegserfahrungen verändert? Sind Kontinuitäten erkennbar?
  • Die Quellenrecherche ist auszuweiten, insbesondere auf Material in Sonntagszeitungen, kirchlichen Zeitungen sowie Kirchenblättern. Das betrifft vor allem ländlichere Bereiche. Eine regionale Beschränkung der Untersuchungen erscheint angebracht. Ergänzt werden sollten die Quellenanalysen durch Synodalakten, die vermutlich repräsentativer für den damaligen Diskurs waren. Weiterhin stellt sich die Frage, ob die gedruckten Texte wirklich als Predigt gehalten wurden. So ist auf die damalige vereinzelte Praxis zu verweisen, wonach

a)Verteilung von Predigten vor dem Gottesdienst erfolgte, letztlich aber andere gehalten wurde

b) Verkauf von Predigten  nach Gottesdienst verbunden mit der Sammlung des Geldes für wohltätige Zwecke

 

  1. Hermeneutische Fragen
  • Es gilt Ziel und Inhalt der Predigt hermeneutisch zu erschließen. Anlass, biografische, konfessionelle und nationale Aspekte sind zu berücksichtigen.
  • Frage nach theologischer Wahrheit:  Sind Befürworter des Krieges schlechte Theologen?

 

  1. Theologische Fragen
  • Eindrückliche Zeugen von Jürgen Telschow beleuchten die These: Krieg befördere Frömmigkeit, außerdem Betonung der Loyalität und konservativen Einstellung der meisten Prediger
  • Frage nach der Bedeutung von Predigtordnungen: Tendenzen erkennbar, dass am Anfang des Krieges eher Hang zum AT, im Verlauf des Krieges jedoch er an Evangelien und froher Botschaft orientiert
  • Widersprüchlichkeit von Kriegspredigten: Inhalt versus reale Erfahrung (Was/Worüber wird gepredigt, obwohl ganz anderes erlebt? Bspw. Verluste eigener Kinder, dennoch Mut und Zuspruch)
  • Erzieherische Funktion von Predigt / Aufruf zur Buße (Krieg als Gericht Gottes,  Teil einer göttlichen Pädagogik, Menschen als Mitarbeiter am Reich Gottes)
  • Theologische Deutungen entsprechen meist dem Verlauf des Krieges.

 

  1. Interreligiöse und transnationale Fragen
  • Martin Greschats These, dass während des Krieges überall ähnlich gepredigt wurde,  ist zu revidieren
  • Transnationale Perspektiven, wie von Christian Wiese im Blick auf Judentum angestoßen, sind auch und besonders im Blick auf katholische Vertreter interessant
  • Zur Semantik markanter Begriffe wie „Friedenshetzer“, „Modeprediger“ et.al. ist zu fragen.
  • Beachtenswert erscheint die jüdische Begeisterung für den Krieg, verbunden mit Hoffnung auf eine stärkere Integration in die nationalen Gesellschaften.

 

Referate

Eleonore Schulz gab einen Überblick über die bisherigen Bibliotheksrecherchen und betonte vor allem die mit der freien Rede verbundene Problematik der wirklich wortgetreu gehaltenen und schriftlich fixierten Predigt. Hinweise hierzu: methodische Vorgehensweise nach Garnisonsstandorten wie z.B. Ulm, dementsprechende „Garnisonspredigten“

Ruth Conrad referierte aus praktisch-theologischer Perspektive und akzentuierte die Homiletik der Kriegspredigten. Sie setzte den Fokus neben dem Inhalt der Predigt vor allem auch auf die Begriffe „Intention, Ziele und Absicht“ einer Predigt. Sie versteht Predigt als intentionale Handlungen, ihr Gegenstand ist Religion. Daher versteht sich Predigt als religiöse Rede, die im Gottesdienst ihren Sitz hat. Predigt ist zugleich eine Handlungsform der Kirche, eine Form der Kommunikation von Kirche, die damit ein Bild von Kirche auf die Gesellschaft ausstrahlt und von Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Von einer objektivierbaren Predigtintention ist abzusehen und vielmehr sollte eine Wirkabsicht in den Raum gestellt werden. Des Weiteren ging sie der Frage der Definition einer „Kriegspredigt“ im engeren Sinne nach. In homiletischer Perspektive ist dieser Begriff nur schwer fassbar. Die Definition muss lokale und zeitliche Bedingungen einbeziehen.

  • Krieg als Anlass der Predigt? Oder:  Krieg als Inhalt der Predigt? Dort wo der Krieg zum Thema der Predigt wird, das worüber gepredigt wird, gerät der Zusammenhang von Kirche und Volksgemeinschaft, Identifikationen von deutsch und christlich, mithin ein „Kulturkampf“ in den Blick
  • Frage nach dem Wo? und Wann? – in Siegeszuversicht oder Niederlage, zum Totengedenken oder in der  Bitte um Frieden?
  • Es muss zudem nach Formen und Intention differenziert werden, bspw. Apologie oder erweckliche Tendenzen.
  • Auch die Biografie des Predigers von berücksichtigender Bedeutung.
  • In homiletisch-historischer Sicht sind vor allem Friedrich Niebergall und Otto Baumgarten zu beachten.

Weiterhin spielen nach Conrad auch Fragen nach der Bedeutung des Verlags, welcher Predigten publizierte, eine Rolle. Er erlaubt Rückschlüsse auf Milieus und lässt in der Gesamtheit eine starke Segmentierung des Marktes erkennen. Nicht unterschätzt werden sollte die Frage, ob Predigtsammlungen Literatur darstellen. Predigten haben durchaus erzieherische Funktion, und das nicht erst seit Kriegsbeginn.

Das in den Predigten enthaltene Bild des Krieges ist durch wissenschaftliche Trends, z.B. den Historismus, beeinflusst.

Jürgen Telschow eröffnete den Reigen regionalgeschichtlicher Studien und konzentrierte sich auf die in der Kirche von Frankfurt am Main gehaltenen Predigten. In den vorgestellten Heften zur Reflexion von Religion und Krieg wurde ebenso wie in untersuchten handschriftlichen Manuskripten sichtbar, wie die Pfarrerschaft damals dachte: Begriffe „Glaube“ „Buße“ „Bekenntnis“ „Opfer“, fungierten als Elemente des Zusammenhalts der Volksgemeinschaft. Vor diesem Hintergrund wurde die These, dass Krieg Frömmigkeit befördere durchsichtig.

Als Beispiel konnte der Frankfurter Prediger Willy Veit, der als damaliger „Modeprediger“ zum anerkannten Vertreter der liberalen Theologie wurde, verstanden werden. Er verglich die Weihnachtsgeschichte mit dem Krieg: Der Krieg wird durch Herodes allegorisiert. Das Familienleben hingegen in Ägypten

Bendix Balke stellte Predigten von Charles Correvon aus der frz.-reformierten Gemeinde in Frankfurt vor. Sie zeugen von einer tiefen transnationalen Zerrissenheit und der schwierig zu findenden Balance zwischen dem Appell zum Frieden und nationaler Kriegsunterstützung. Am Beispiel Correvons verwies Balke auch auf ein weiteres Forschungsfeld: nämlich die Untersuchung von Predigten in Gefangenenlagern. Neben die Untersuchung des Phänomens ist auch die systematisch-historische Frage zu stellen. Gab es Prediger, die die universalistischen Überzeugungen des Christentums nicht einer völkischen Ideologie opferten?

Tilmann Schröder skizzierte die Württembergische evangelisch-lutherische Landeskirche bei Kriegsbeginn und begann mit der Anekdote über den weinenden König, der 1914 den Ausmarsch der Kolonnen tief gerührt begleitete. Erstaunlicherweise gibt es darüber keine Presseberichte. Die Reaktionen auf den Kriegsausbruch schwanken zwischen Überraschung, Anti-Kriegsdemonstrationen, und loyalen Kriegsbefürwortern. Otto Umfried wird als „Friedenshetzer“ verpönt. Dennoch sind die theologischen Äußerungen von Loyalität zum König und zutiefst staatstragend abgefasst. Der Krieg findet auch nach dessen Ende noch Befürworter. Es überwiegt der Wunsch, England solle von Gott gestraft werden.

So interpretiert Theodor Traub vom Lutherischen Weltbund das Engagement Deutschlands und insonderheit Württembergs als reinen Verteidigungskrieg. Deutschland sei mitten im Frieden überfallen worden. Die Ambiguität solcher Äußerungen wird deutlich, wenn man beachtet, dass die Bibelgesellschaft, seit 1812 mit Sitz in London, auch während des Krieges Kontakte und Finanzierung nach Deutschland, bspw. für Bibeln an Soldaten, unterstützte. Der Krieg wird als Mittel verstanden, zur Sittlichkeit des Volkes zu führen. Daher äußern manche Pfarrer noch bei Kriegsausbruch große Freude und deuten das Geschehen als Gerichtsinstrument Gottes. Die betroffenen Menschen sind als „Mitarbeiter am Reich Gottes“ zu sehen. Der Tenor dieser Predigten ist national-völkisch und hat die Volksgemeinschaft im Blick. Der Einzelne kann durchaus geopfert werden. Traub selbst verlor zwei Söhne. Im ersten Weltkrieg fielen 40% der evg. Theologiestudenten.

Christian Römer gab seit 1896 das Württembergische Kirchenblatt heraus. Er sieht den Kriegsausbruch als Teil des Heilsgeschehens Gottes und gilt als Vertreter der Unterstützer des Krieges. Dennoch fördert er auch Friedensaktivisten wie den schwedischen Bischof Nathan Söderblom und ließ dessen Brief […] veröffentlichen. Nach Römer habe allein Russland die Kriegsschuld zu verantworten. Er betont die Auserwählung des jüdischen Volkes und betont, Gott brauche nicht Deutschland, sondern das – sein - Volk Israel.

Jüdische Feldpostbriefe werden als Zeugnis der Frömmigkeit jüdischer Soldaten interpretiert. Ab 1916 macht sich Resignation breit und Römer betont die Kreuzestheologie sowie den Zusammenhang von Sünde und Gnade. Er sieht, dass das Volk gesündigt habe und darum weiter unter den Kriegslasten zu leiden haben.

Römer ist ein Beispiel dafür, wie sich unter dem Einfluss des Kriegsgeschehens die theologischen Ansichten verändern. Besonders deutlich wird die Neubewertung der Laien in den Gemeinden als zusätzliche Mitarbeiter. U.a. fordert er das Frauenwahlrecht aufgrund deren Leistungen im Krieg.

Schließlich wurde auch noch Albert Esenwein vorgestellt, der sich jeglicher Kriegsbegeisterung enthielt und der Friedensbewegung im Zusammenklang von Pietismus und Ökumene entschieden zuarbeitete. Seine Predigten zeugen von der Ambivalenz zwischen Loyalität und kirchlicher, friedensorientierter Frömmigkeit. So betont er: „Wir halten keine Kriegspredigten!“.

Zugleich tauchen ab 1917 vermehrt Postkarten mit dem Bild eines deutschen Luther im Rahmen der Kriegspropaganda auf. Vor dieser einseitigen Luther-Verehrung im 400. Jahr des Beginns der Reformation war der Pietismus doch deutlich gefeit.

Jürgen Kampmann konzentrierte sich auf Westfalen zwischen 1914 und 1918 und stellte eine ganze Reihe äußerst wichtiger methodischer Anfragen. So verwies er auf die statistischen Verhältnisse zwischen gedruckten und wahrscheinlich gehaltenen Predigten hin. Seiner Hochrechnung nach wurde ca. 3,94 Mio. Predigten von 1914 bis 1918 gehalten, von denen kaum ein Promille tatsächlich auch veröffentlicht ist und heute in Bibliotheken und Archiven erforscht werden kann. Weitere Akzente setzte er auf die Bestimmung von des Unterschieds, wonach weniger Predigten als religiöse Reden von Bedeutung bei Veröffentlichung waren. Wenn man das Augenmerk auf die gesellschaftliche Breitenwirkung legt, die kirchliche Verkündigung entfaltete, gehört sicher die in den pädagogischen Einrichtungen dazu. Kampmann verwies auf dazu auf den Religionsunterricht, Sonntagsschule etc. Methodisch stellt sich hier die Frage der Quellengattung und des Untersuchungsgegenstands des Historikers – ist eine Betrachtungen von Predigten allein überhaupt sinnvoll? Geht es um Predigtgeschichte oder eher um die Geschichte der kirchlichen Verkündigung und ihrer Wirkung?

Sein Augenmerk richtete er weniger auf die Gottesdienste und die darin gehaltenen Predigten, als die Ausgestaltung von Kriegsbetstunden und lieferte dafür eindrückliche Beispiele.

Werner Blessing gab einen Einblick in die territorialgeschichtliche Ausprägung bayerischer Kriegspredigten. Er kam zu dem Ergebnis, dass der im Glauben an einen schmählich aufgezwungenen und damit an einen gerechten Verteidigungskrieg zunächst vorherrschende, zeittypische Bellizismus, der nur einen Siegfrieden erlaubte, seit 1916 langsam zurücktrat. Gleichwohl war eine Absage an den Krieg nicht möglich, auch wenn die schwindende Siegeshoffnung und die seit Beginn unvorstellbaren Opfer im Feld, dazu die Entbehrungen in der Heimat zu einer Akzentuierung des Krieges als Strafe Gottes, von Schuld, Züchtigung und Buße in den Vordergrund drängten. Die von Staatsmacht und Kirchenordnung gesetzte Amtspflicht, ihre bürgerlich-nationalprotestantische Gruppenmentalität und eine mit dem Berufsbild eingeübte Selbstverpflichtung zum moralischen Vorbild gerade in allgemeiner Bedrängnis ließen keinen Spielraum, aus persönlicher Ernüchterung – die wohl schließlich nicht wenige überkam – offene Konsequenzen zu ziehen und die öffentliche Rolle zu ändern.

Christian Wiese stelltezunächst ebenfalls methodische Überlegungen an und forderte eine verstärkteBerücksichtigung der transnationalen Vorgehensweise, insbesondere im Vergleich zu England und Frankreich. Die jüdische Beteiligung am Krieg ist hierfür ein hervorragendes Untersuchungsfeld. Ab 1914 gab es fast zwar formal überall in Europa jüdische Gleichberechtigung, die in nationaler Zugehörigkeit gelebt wurde. Gleichwohl war der Antisemitismus ein breit in der Gesellschaft verankertes und goutiertes Phänomen. Die 1916 erfolgte Judenzählung im Deutschen Heer zeigt diese Tendenzen unübersehbar, wie sie früher bereits in England und Frankreich zu beobachten war.

Als Beispiel interpretierte er Martin Bubers Rede 1914 in Berlin aus Anlass des Hanukka-Festes, dem eine besondere Bedeutung im Blick auf den Makkabäeraufstand zukam. Seine Rede illustriert das Verhältnis der Zionisten zum Krieg. Buber repräsentiert ein auf das Geschehen des Krieges interessierten Blick, der die Legitimation der Teilhabe am Krieg in den Fokus nimmt. Er zeichnet das individuelle Leben als Leben der Gemeinschaft und verwendet dabei durchaus völkische Rhetorik. Insgesamt ist seine Rede von einem neuromantischen Blick auf das deutsche Judentum geprägt.

Buber wurde bald ausgemustert, unterstützte jedoch weiterhin Anhänger und Freunde in Briefen. Von Zweifeln ist keine Rede. Anschließend stellte Wiese drei jüdische Intellektuelle vor: Robert Welsch, Hans Cohen, Hugo Bergmann. Sie waren von Bubers Rede hingerissen. Danach sahen sie das Kriegsziel in der Befreiung der europäischen Juden aus der Unterdrückung und äußerten ihre Hoffnung auf eine endgültige Rückkehr nach Palästina. Dies freilich in höchst differenzierter Form. So wandte sich etwa Hans Cohen aufgrund der Spiegelung völkisch-nationalistischer Muster im Zionismus, gänzlich davon ab. Weiteres Konfliktpotential erwuchs rund um das Sykes-Picot-Abkommen und die Besetzung Palästinas durch GB

Workshop "Predigt im Krieg_Bild2Hacik Rafi Gazer erläuterte die Problematik der Untersuchung muslimischer Kriegsstellungnahmen am Beispiel der Proklamation des Heiligen Krieges durch Sultan Muhammed Reschad V. vom 11. November 1914, die nicht zuletzt unter Anleitung aus Deutschland verfasst wurde. Bei aller Analogie sind jedoch auch gravierende Unterschiede in der theologischen Stellungnahme zum Krieg und der Parteinahme des osmanischen Reiches vor dessen Säkularisierung durch Kemal Atatürk zu beachten. Auch Gazer gab wichtige methodische Hinweise, die für die Weiterführung des Projektes von Bedeutung sind.

 

Resümee

Im Ergebnis der Tagung wurde die methodisch noch zu leistende Balance zwischen den inhaltlichen Aussagen der sog. Kriegspredigten, ihrer formalen Ausgestaltung und damit verbunden ihrer Bedeutung als historischer Quelle sichtbar:

1) Was soll untersucht werden (Predigtgeschichte, Verkündigungsgeschichte, Predigt als Mittel zur Ermittlung kirchlicher Haltungen oder gesellschaftlicher Grundstimmung)?

2) Welche hermeneutischen Vorannahmen werden getroffen? (Dazu gehört auch das Problem von Mündlichkeit/Schriftlichkeit)

3.) Welchen Aussagewert haben die Predigten als historische Quellen – gerade auch jenseits ihrer populären Wahrnehmung und gegenwärtigen pauschalen historiographischen Verurteilung.

Die Gruppe verabredete sich auf eine Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit im kommenden Jahr, das trotz des Reformationsgedenkens auch für diese inhaltliche Arbeit Raum lassen sollte, die auch im Blick auf die Wirkungsgeschichte von Protestantismus eng mit dem Thema der Kriegspredigten verbunden ist. Die Beiträge dieser Tagung werden durch die Beträge jener Kolleginnen und Kollegen ergänzt, die nicht anwesend sein konnten, bis zum 30. September 2016 bei Markus Wriedt erwartet, der mit seinem Team daraus einen Band in der Reihe der Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft erstellen wird und bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig im Jahr 2017 herausbringen will.