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KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

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Kurzbericht zum Workshop „Gnadenlehre im 4. Jahrhundert“ am 8. April 2016 in der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Wer war der erste christliche Autor, der die Gnadenlehre soteriologisch begründet? Während die meisten Unkundigen hier sofort Augustin ins Wort heben, stellte sich bei näherem Hinsehen heraus, dass auch bereits Ambrosius in seiner frühesten Schrift De paradiso hier einen eindeutigen Akzent setzt. Sollte er der erste gewesen sein? In welchem geistesgeschichtlichen Kontext ist diese Akzentverschiebung möglich geworden? Geschah dies möglicherweise unter Einfluss von Simplician oder insgesamt der neuplatonischen Theologietransformation?


In dem Workshop wurden folgende Fragen mit Kolleginnen und Kollegen diskutiert:

1. Wo entsteht in welchem Kontext die soteriologische Grundlegung der (lateinisch-westlichen) Gnadenlehre?
2. Wer sind ihre Hauptvertreter?Workshop_Gnadenlehre_Bild1
3. Wie sah die Gnadenlehre im Lateinischen Westen in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts überhaupt aus?
4. Personen- und Quellenstudien zu Marius Victorinus, Ambrosius, Simplician, Augustin - freilich mit dem Fokus auf die Frage der Gnadenlehre
5. Weitere Theologen, Schriftsteller, Texte, die beachtet werden müssen?
6. Wie sieht die griechische Entwicklung im Osten aus? Deuten sich hier bereits theologische Differenzen an?


Knapp 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden sich zusammen, um diesen Fragen im Rahmen eines offenen, kollegialen und interdisziplinären Austausches zu klären. Dabei galt es weder eine These aufzustellen noch zu verifizieren, sondern aus Kenntnis der Umstände der Entstehung der lateinischen Gnadenlehre die Besonderheiten der Genesis-Auslegung von Ambrosius zu würdigen.


Den Anfang machte Dr. Wolfgang Bietz aus Mainz, der im Rahmen seiner Arbeiten zu Ambrosius‘ früher Schrift „De Paradiso“ darauf gestoßen war, dass hier – möglicherweise erstmalig – eine soteriologische Begründung der Gnadenlehre vorgetragen wird. In einem solide präparierten, aber nicht an der Fülle des Materials erstickenden Überblick gab der Altphilologe derartig viel Bedenkenswertes kund, dass die Teilnehmenden am Workshop mehr als zwei Stunden ohne Unterbrechung Fragen der Traditionsbezüge des Mailänder Bischofs (etwa im Blick auf Irenäus, aber auch Philo von Alexandrian, Origenes und Athanasius), der Bedeutung seiner pastoral-episkopalen Funktion in der besonderen Situation der Mailänder Gemeinde und ihrer sozialen Strukturen, die Auseinandersetzung mit dem gnostisch-dualistischen Entwurf des Apelles, sowie der Bedeutung der neuplatonischen Paulus-Exegese, die mit
einer Renaissance des letzten Apostels in der Mitte des 4. Jahrhunderts eng zusammenhängt, diskutierten.
Nach einer kurzen Lunchunterbrechung, die freilich zur Fortsetzung der begonnenen Gespräche genutzt wurde, setzte Prof. Dr. Jörg Trellenberg, Münster, einen Akzent mit Blick auf die eigenartig anti-pelagianisch zugespitzte Gnadenlehre des Marius Victorinus in dessen Kommentar zum Galaterbrief des Paulus. Anhand einschlägiger Zitate konnte zum einen eine frappierende Nähe zu späteren pointierten Äußerungen Augustins, vor allem aber zur späteren reformatorischen Profilierung gezeigt werden. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass Ambrosius in erheblichem Maße Kenntnis von diesen Texten hatte, sie dennoch aber nicht einfach abschrieb oder übernahm, sondern behutsam in seine eigene Auslegung hineintransformierte. Ohne Zweifel stellt Marius
Workshop_Gnadenlehre_Bild2Victorinus einen wirkmächtigen Traditionsbezug für Ambrosius dar. Es konnte freilich nicht abschließend geklärt werden, von wem Ambrosius die Kenntnis dieses und anderer Werke hatte. Die naheliegende Vermutung, Simplician, seinen katechetischen Lehrer und späteren Nachfolger, hier in die Verantwortung zu nehmen, lässt sich aufgrund mangelnder Quellen wohl nicht verifizieren.

Zum Abschluss des anregenden Workshops gab Prof. Dr. Thomas Graumann, Cambridge, einen Einblick auf die Diskussion der Autoritätenfrage im Streit um das rechte Gnadenverständnis im Kontext der anti-pelagianischen Streitigkeiten im ersten Viertel des 5. Jahrhunderts. Mit seinem Beitrag machte er zum einen die Besonderheit synodaler Lehrentscheidungen und der Prozesse, die zu ihnen führen, deutlich und schlug damit den Bogen zum Generalthema des Graduiertenkollegs, indem er die Auseinandersetzung zu theologischen Themen als einen wirkmächtigen Anstoß zur Entstehung akademischer Theologie rekonstruierte. Dabei sind es weniger die material-dogmatischen Aussagen, welche den theologischen Diskurs auszeichnen, sondern ihre Verwendung in bestimmten Techniken, die sich weitgehend der spätantiken Rhetorenausbildung, insbesondere der Dialektik und Rhetorik, verdanken. Fast am Rande entstand eine hochinteressante Diskussion um die Validität der systemtheoretischen Ansätze von Niklas Luhmann, die Hartmut Leppin interpretierend in die Diskussion einführte.


Die angeregten Gespräche hätten endlos fortgesetzt werden können. Dennoch mahnte Prof. Dr. Markus Wriedt zum Abschluss mit Rücksicht auf vielfältige Belastungen aller Beteiligten zu kommen. Der Workshop wurde von allen als gelungener Austausch wahrgenommen, der nicht von Produktionszwängen wie Publikation, Thesenentwicklung oder weitergehenden Überlegungen belastet wurde. Dass einzelne Gesprächspartner auch weiterhin miteinander im Dialog bleiben werden, darf als nachhaltiges Ergebnis der Zusammenkunft füglich behauptet werden.

 
(Markus Wriedt)