Home
deutsch english

KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

Facebook-Seite des GRK






Summer School Oxford

Bericht zur Summer School 2015 in Oxford:

 "Experten – Corpora – Institutionen. Reflexive Elemente in religiösen Traditionen."

GKR 1728

 

6.09.: 13:30 Ankunft in Oxford

 

6.09.: ab 18:00 Evensong, Formal Dinner, Vortrag Prof. Graham Ward

Der erste Tag der Summerschool stand ganz unter dem Oberthema "ästhetische Erfahrung". Zunächst insofern, als wir nach unserer Ankunft in Oxford an einem klassischen "Evensong" Gottesdienst in der Christ Church teilgenommen haben und in unserer Unterkunft, der St.Benet´s Hall, ein "formal dinner" samt all den damit verbundenen Traditionen für uns veranstaltet wurde. Insbesondere bestimmte das Thema dann aber den Vortrag von Prof. Graham Ward. Gewiss galt dies schon mit Blick auf den engagierten Vortragsstil, bei dem z.B. nüchterne Erwägungen und geschichtliche Exkurse mit poetischen Elementen oder Traumberichten angereichert wurden. Aber auch inhaltlich drehte sich der Vortrag, dessen Titel zur Vermeidung von vorzeitigen Engführungen offen gelassen wurde, maßgeblich um die theologische Bedeutung ästhetischer Erfahrung. Im Kern ging es dabei um die Frage, wie das „Unsichtbare“ „sichtbar“ gemacht werden könne. Diese Frage wiederum war von der Hintergrundannahme motiviert, dass sich ein adäquates Erfassen Gottes im Letzten nicht in theologischen Beschreibungen erschöpft, aber dieses Überschüssige keineswegs unerreichbar ist, sondern auf einer Ebene Summerschool Oxford Bild1sinnlicher Erfahrung weiter erfasst werden könne. Illustriert wurde dies zum einen an dem Leitbegriff der „imagination“ und dann an dem des „embodiment“ von sinnlicher Erfahrung. Besonders der letztgenannte Aspekt wurde von Ward vielfältig illustriert, indem er Beschreibungen von Cyrill von Jerusalem aufgriff: dieser berichtete etwa von der Bedeutung von Orten wie Jerusalem für die frühe Kirche, von der Praxis des Einölens von Täuflingen, von eindrücklichen Prozessionen aber nicht zuletzt auch davon, dass entsprechende Erfahrungen durch eine „Pädagogik der Sinne“ eingeübt werden müssen. Insgesamt hat Ward damit nicht nur ein Thema gesetzt, das auch in anderen Vorträgen zum Tragen kam (z.B. in Dr. Pinsents Ausführungen zur Kreativität) und in seinem Vortrag durch den Rückgang auf die Kirchenväter selbst die große Tradition des „oxfordmovements“ auf bemerkenswerte Weise veranschaulicht. Vielmehr hat er damit auch den interreligiös relevanten Gedanken eingebracht, dass jenseits doktrinärer Unterschiede zumindest ein gegenseitiges Verstehen auf einer nicht-propositional verfassten Ebene vorstellbar ist und damit möglicherweise auch dazu beigetragen, dass die Summerschool insgesamt von hohem gegenseitigen Respekt getragen war. (Friederike Eichhorn-Remmel)

 

7.09.: 9:00 Vortrag "Theologie in Oxford. Wie funktioniert die Fakultät heute?" von Prof. Dr. Werner G. Jeanrond 

 

7.09.:11:00 - 12:45 Texte der Kirchenväter als Korpus. Oxford Movement

Der Workshop wurde von Prof. Dr. Claus Arnold vorbereitet und gestaltet. In einem ersten Teil führte Claus Arnold anhand eines Referates in die wichtigsten Entwicklungslinien des Oxford Movements ein, im zweiten Teil wurden bestimmte Einzelfragen ausgehend von einem Editionsnachwort von 1835 (Library of the Fathers) im Plenum diskutiert.     

Nach einer knappen Einführung zum Begriff der Kirchenväter stellte Claus Arnold das im 19. Jh. im anglikanischen Raum verstärkt aufkommende Anliegen vor, die einzelnen Schriften der Kirchenväter nicht nur zu edieren, sondern sie auch ins Englische zu übersetzen, um sie so einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen. Summerschool Oxford Bild3Ergebnis dieses Anliegens war die Editionsreihe „Library of the Fathers“, die auf das engste mit dem um 1830 entstandenen Oxford Movement verbunden war. Die Bewegung wurde vor allem von John Keble, John Henry Newman und Edward Bouverie Pusey getragen – alle drei lehrten in Oxford. Sie verfolgten das Ziel, vorreformatorische Elemente in der anglikanischen Kirche wiederzubeleben und rückten daher die Anfänge der Kirche und deren Autoritäten, also die Kirchenväter, wieder mehr in den Fokus. Damit ging nicht nur eine Abgrenzung  von den Erweckungsbewegungen und deren Bekehrungsideologie einher, sondern auch eine Distanzierung von der erstarrenden anglikanischen Kirche und deren zunehmend liberaler Theologie.    

Grundlage der Textarbeit und damit Ausgangspunkt der sich anschließenden Plenumsdiskussion war ein redaktionelles Nachwort aus dem Jahr 1835, das einer Edition und Übersetzung eines Kirchvatertextes beigegeben wurde. Schwerpunkte in der Diskussion waren das anglo-katholische Selbstverständnis, die für Oxford typische Kommunikationskultur in Form eines „Salons der Gebildeten“ sowie mögliche Auswahlkriterien für das Korpus der edierten und übersetzten Texte. (Nadine Breitbarth)

 

8.09.: 9:00 Lektüreeinheit Johann Buxtorf: Synagoga Judaica.

Um uns auf den später am Tag stattfindenden Vortrag von Prof. Dr. Joanna Weinberg vorzubereiten, diskutierten wir am Morgen zusammen des Text Synagoga Iudaica – Das ist Jüden Schul von Johann Buxtorf dem Älteren. In diesem Werk beschreibt Johann Buxtorf, nicht ohne Polemik, jüdische Religion und jüdisches Leben.

Zunächst erarbeiteten wir den historischen Kontext, in dem das Werk entstand. Johann Buxtorf lebte vom Ende des 16. Jahrhunderts bis 1629 in Basel. Dort lehrte er an der Universität Hebräisch und gilt manchen als Begründer der jüdischen Studien. Das ist Jüden Schul wurde in verhältnismäßig großen Auflagen gedruckt und auch rezipiert.

Der Umgang mit der jüdischen Bevölkerung, die nur an festgelegten Orten siedeln durfte, war weitesgehend untersagt und daher unüblich. Man kann von einer Ignoranz – der Besitz jüdischer Schriften war ebenfalls verboten – gegenüber Juden und einem allgemeinen Antijudaismus unter der restlichen Bevölkerung sprechen. Leitende Figuren der Reformation im 16. Jahrhundert wie Martin Luther und Johannes Calvin, die von Buxtorf zitiert werden, wurden in ihrem Denken über die jüdische Religion unter anderem von einem denunzierenden Werk über jüdische Sitten von Antonius Margaritha, Der gantz Jüdisch glaub, beeinflusst. Johann Buxtorf aber pflegte, neben der Lektüre von jüdischen Schriften, engen Kontakt zu einer jüdischen Familie und hatte daher einen unüblichen Zugang zur jüdischen Religion und Lebensweise.

Während der Diskussion waren wir uns weitgehend unsicher, mit welcher Intention der beim ersten Lesen sehr polemisch wirkende Text geschrieben wurde. Sah sich Buxtorf zum Beispiel von seiner Umwelt gezwungen, nicht zu neutral oder positiv über den jüdischen Glauben zu schreiben? Sollten besonders polemische Textpassagen zur christlichen Identitätsstiftung beitragen? Unser Fazit bestand darin, in Buxtorfs Beschreibungen einen neutraleren Zugang zur jüdischen Religion sehen zu können als zu seiner Zeit üblich war. Der spätere Vortrag von Joanna Weinberg legte eine sehr andere Einschätzung des Textes offen. (Lisa Marie Wichern)

 

8.09.: 11:00 Workshop mit Dr. Brian Klug (Faculty of Philosophy) Reflecting on the nexus God-Moses-Israel and revisiting its significance for Judaism.

 

8.09.: 14:30 Prof. Dr. Joanna Weinberg: Vortrag mit anschließender Diskussion. Jewish books in Christian hands: the case of Johann Buxtorf the Elder

Though time constraints are a seemingly unavoidable restriction to academic work, at least for this lecture we can’t say we were unprepared. On the one hand, we had been able to have a look at a photocopy of the original early 17th-century text in question, and, thanks to a last-minute spell of practical wisdom by Prof. Wriedt, the people interested had access to a thorough introduction into this work written by a contemporary Swiss opthalmologist. On the other hand, this lecture was a unicum in the program: in the morning, we had held a reading and discussion session, which sent us to the afternoon lecture with sharpened questions and peer-reviewed conjectures — a format which, according to many in the group, demanded repetition.

Yet, we were a little bit surprised by Prof. Weinberg’s comparatively adamant judgement of the text. Whereas we were rather cautious in our estimation of how controversial Buxtorf’s text actually was, Joanna was convinced of its stark polemical nature, citing its “ironic and derisive tone” and the way he “exploited Jewish literature”.
She referred to her current work on Buxtorf’s personal copy book, which revealed the manner in which he actually worked. Instead of getting most of his information from real life Jewish acquaintances, as he perhaps wanted to make it seem, he relied most heavily on the Jewish books of his time. Surely, as a professor, writer and editor in Hebrew literature, Buxtorf was in the ideal position to take advantage of his tremendous scholarship to stage an assault on the views and customs of the Jews of his time.

But, as Joanna recognized, this made Buxtorf into somewhat of a mysterious figure. How are we to unify his vehement polemics with the erudition of his work, yes, his “love for Hebrew literature”? Could it really have been deliberate, or are we to take into account the power dynamics inherent in knowledge production, perhaps letting ourselves be inspired by 20th-century French philosophy à la Foucault and Bourdieu? Indeed, Joanna referred to Michel de Certeau, who had once famously stated that “readers are travellers”.

It was this problematic about Buxtorf’s intentions and the historical setting in which he worked that turned out to make up the bulk of the lecture as well as the following discussion. In this light, we returned to the discussion we had held in the morning, where we concluded that a conception of Judaism in terms of confession is an unrightful Christianization of its purport. We also found out that Buxtorf later changed his attitude to Jewish literature — but not, however, Joanna claimed, to the Jews themselves.

In the end, the problem remained unresolved, and we perhaps weren’t as inspired as we had been by the previous lecture, but, for the moment, this afternoon session undoubtedly satisfied our intellectual cravings, which were slowly reaching a climax towards the end of the second day of the summer school. Now, it was high time for some punting along the beautiful Oxford countryside, to soothe our spirits and regenerate for another day of intensive work. (Frédéric Dubois)

 

9.09.: 9:30 Vortrag von Prof. Dr. Zachhuber: „Theologie als Wissenschaft“

Prof Dr. Zachhuber ist Professor für historische und systematische Theologie sowie Fellow und Tutor für Theologie am Trinity College. Der Schwerpunkt seines Vortrages lag auf der Theologie in Deutschland im 19. Jahrhundert. Die Bearbeitung des Themas ist wichtig für die internationale Wissenschaft, insofern die letzte einschlägige Publikation dazu auf Karl Barth zurückgeht. Sein Buch „theology as science“ richte sich vorwiegend an das Publikum in Großbritannien.

Dabei ist die Frage nach den Unterschieden der Universitätskultur eher eine Randfrage. Vielmehr seien „Theologie“ und „Wissenschaft“ als sich gegenseitig kommentierende Begriffe und Topoi zu traktieren.

Theologie wird dabei als christliche Theologie im engeren Sinne verstanden. Die legitimatorische Formel „fides quaerens intellectum“ (übers.: „Der Glaube, der nach Verstehen sucht“, belegt im „Proslogion“ von Anselm von Canterbury) der Theologie behandle dabei nur einen Ausschnitt. Der Fokus liegt bei der Formel auf systematischer und philosophischer Theologie und ihrer Ratio-gesteuerten Vorgehensweise. Damit wird aber nur ein kleiner Teil von Theologie abgedeckt.

Theologie ist zwar ein mittelalterliches Wort, aber auch bei den Kirchenvätern (z.B. Euseb, Origenes) findet sich bereits eine ähnliche Form. Zachhuber vertritt die These, dass religiöser Glaube aus sich selbst heraus zur Reflexion drängt. Allerdings gibt es sehr heterogene Bereiche dieser reflexiven Tätigkeit von Theologie. Daher stellt Zachhuber die Frage: Inwiefern bilden diese Bereiche eine Einheit? Was ist also der innere Zusammenhang der theologischen Disziplinen? Die Frage wird oft eher als eine Verhältnisbestimmung der Theologie zu ihren Nachbardisziplinen gestellt, wodurch die Frage nach innerem Zusammenhang in den Hintergrund tritt.

Diese Plausibilisierungsfragen haben einen bestimmten Ort, nämlich die Universität. Auch wenn klar ist, dass Theologie verschiedene Orte hat wie auf der Kanzel oder im Kloster. Die institutionelle Verortung ist entscheidend für die Art der Fragen und Antworten, die in einer Diskurskultur gestellt werden.

Explizit wird die Plausibilisierungsfrage der Theologie bei der (Neu-)Gründung der Universität gestellt. Sie kommt also im ausgehenden Mittelalter auf und wird im späten 18. Jahrhundert neu formuliert. Dies hängt mit dem Jahr 1810 zusammen, in dem die Humboldt Universität gegründet wird. Auch zuvor hat es Theologen gegeben, aber theologisch wichtige Denker wie Leibniz oder Newton sind Weltgelehrte und nicht theologisch institutionalisiert. Es lässt sich sagen, dass 1810 die Erfolgsgeschichte der Universität begonnen hat, die bis heute andauert.

Insgesamt ist der Schluss zu ziehen, dass die Plausibilisierungsfragen der Theologie nicht an die Moderne gekoppelt sind, wie landläufig oft behauptet wird, sondern vielmehr an ihre Verortung an der Universität.

In Bezug auf die Wissenschaft ist zu beobachten, dass Theologie für sie keinesfalls zunächst zentral gewesen sei und dann an den Rand gedrängt wurde.Summerschool Oxford Bild2

Wissenschaft spielt bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) eine große Rolle. Allerdings ist hier eher an das Abstraktum von Wissen gedacht und nicht wie in zeitgenössischer Definition als methodisch kontrollierte Reflexion von Information. Hegels Ansicht ist paradigmatisch für den deutschen Idealismus und spiegelt den romantischen Gedanken einer harmonischen Einheit (von Wissen bzw. Weltwahrnehmung) wieder.

Bei der Gründung der Humboldt-Universität wird Hegels Wissenschaftsbegriff nicht herangezogen. Eine rege Diskussion zwischen Friedrich Wilhelm Joseph Ritter von Schelling (1775-1854), Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) und Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) entbrennt. Wissenschaft wird neu verstanden als prozedual kontrolliert, empirisch und vorläufig, was eine Orientierung an der Naturwissenschaft bedeutet. Vorexerziert wird dies bei David Friedrich Strauß (1808-1874) in seiner Veröffentlichung „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ (1835/6). Hier ist die Vokabel „voraussetzungslos“ das erste Mal belegt. Schleiermacher hingegen hatte eher ein traditionelles Verständnis von Theologie, welche Philosophie par excellence sei. Auf ihn geht der Gedanke zurück, dass Theologie zur Kirchenleitung befähige. Zachhuber hat treffend formuliert, dass sich spätere Generationen auf dem „Kissen, das Schleiermacher ihnen hingelegt hat, ausgeruht“ hätten, insofern diese Definition unhinterfragt beibehalten wurde. Im Zuge der Universitätsgründung in Berlin äußerte sich Fichte mit der Position, die Theologie auf andere Disziplinen aufzuspalten. Ihr heterogener Charakter verbiete einen inneren Zusammenschluss.

Im 19. Jahrhundert kam schließlich mit dem historischen Paradigma die Geschichte als Fluchtpunkt in den Blick. Die Theologie, die sich historisch versteht, impliziert dabei natürlich ein bestimmtes Verständnis von Geschichte. Schellings Position kann hier exemplarisch angeführt werden; Die Geschichte sei als Ganzes eine Offenbarung Gottes. Dieser „historical turn“ ist also christlich inspiriert, gleichzeitig muss die Theologie dem Plausibilisierungsdruck des historischen Paradigmas begegnen und ihre innere Einheit von daher begreifen. Deswegen ist es kein Zufall, dass Schleiermacher die Dogmatik in die historische Theologie einordnet.

Mit dem Plausibilitätsverlust des historischen Paradigmas in der Wissenschaft, geht dann ein Plausibilitätsverlust der Einheit der Theologie einher. Damit muss sich die Theologie Anfang des 20. Jahrhunderts neu verteidigen und legitimieren.

Zum Schluss hält Zachhuber fest, dass es eine Chance für die Universitätskultur ist, wenn Wissenschaften im Konflikt lägen. Jedes Fach habe eigene Voraussetzungen und werde so herausgefordert, diese transparent zu machen. Theologie habe einen besonderen Platz an der Universität, auch weil sie sich im Spannungsfeld zwischen Universität und Kirche befindet. Dabei bildet Theologie und Naturwissenschaft keinen Gegensatz, vielmehr werde die Theologie von szientistisch faktualer Denkweise opponiert. Darwinismus widerspreche der Theologie in keiner Weise. Andersherum habe vielmehr die Bestreitung der Wahrheitsfähigkeit des Darwinismus eine Stellvertreterfunktion, da hiermit eine naturwissenschaftliche Deutung zurückgedrängt werden kann, ohne technisch-kulturelle Leistungen ablehnen zu müssen.

In der Wissenschaft sei kein schlichtes Verarbeiten von Information möglich. Insofern ist die Theologie zwar reflexiv, aber auch normativ. Es gäbe aber verschiedene Abstufungen von Normativität. Auf der anderen Seite gäbe es auch verschiedene Formen von Reflexivität, wenn bedacht wird, dass diese z.B. auch erbauliche Funktion haben kann. Dieser Themenkomplex könnte vielleicht durch weitere Gespräche im Graduiertenkolleg erarbeitet und/oder auch mit Prof. Zachhuber diskutiert werden. Denn die Frage danach, wie die Andersartigkeit der Normativität von primärer und sekundärer Glaubensrede gestaltet sein soll und, wie die Differenz zu bestimmen ist, blieb offen. (Tabea Kraaz)

 

9.09.: 14:00 Dr. Andrew Pinsent (Ian Ramsey Centre) Cosmology and Creation. Kurzvortrag mit anschließender Diskussion.

Der zweite Vortrag des Nachmittags folgte nach einer kurzen Kaffeepause direkt im Anschluss an Prof. McGraths Ausführungen über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft. Dr. Andrew Pinsent, der Research Director des Ian Ramsey Centre, war angefragt zum Thema Kosmologie und Schöpfung zu sprechen. Wie beim vorherigen Vortrag nahmen die Teilnehmer der Summer School im Konferenzraum des Ian Ramsey Centre Platz. Die Vortragssprache war Englisch. Wieder führte Matthias Ruf, der die Veranstaltung organisiert hatte, als Moderator durch Vortrag und Diskussion.

Anders als sein Vorredner bediente sich Dr. Pinsent einer reichhaltig illustrierten Powerpointpräsentation, die er nach eigener Aussage kürzlich auf einer Konferenz der University of Notre Dame als Abschlussvortrag gehalten hatte. Der exakte Titel lautete „Eyesight without insight: Cosmology, theology and well-formed judgement“. Der katholische Priester begann seinen unterhaltsamen Vortrag mit mehreren Anekdoten rund um cartesianische Mathematik, Physik und Astrophysik. Viele seiner Grafiken und Bilder waren lustig und im Sinne populärwissenschaftlicher Erkenntnis informativ. Seine These, dass Naturwissenschaft und Religion mehr miteinander zu tun hätten als gemeinhin angenommen, illustrierte er pointenreich damit, dass der Erfinder der Urknalltheorie katholischer Priester war und die Theorie daher lange Zeit von sowjetischen Wissenschaftlern abgelehnt wurde. Im ersten Teil seiner Präsentation ging es Pinsent inhaltlich darum, Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis aufzuzeigen. An prominenter Stelle präsentierte er in vereinfachter Form das Problem des „cosmological fine-tuning“ und verglich es anschaulich mit einem Würfel der immer wieder eine Zahl würfelt und uns daher zu der Annahme führt, dass solch ein Würfel gezinkt sein müsse. Die Vermutung, dass ein Schöpfer hinter den perfekt aufeinander abgestimmten Grundkonstanten des Universums stehe, sei in analoger Weise evident.

Im Hauptteil seines Vortrags referierte Pinsent zur Bedeutung von Interpersonalität für Mensch und Gesellschaft. Ausgehend von Babys, die bereits in den ersten Sekunden nach ihrer Geburt in der Lage seien, menschliche Gesichter von der Umgebung des Raumes zu unterscheiden, beschrieb Pinsent interpersonale Beziehungen als Voraussetzung für jede Form von Kommunikation. Ein gemeinsam geteiltes Bewusstsein und die Fähigkeit zur Konzentration würden daraus erwachsen und seinen die Conditio sine qua non für jede Form von Erkenntnis. Lehren und Lernen seien ein solcher interpersonaler Prozess, bei dem die Kategorisierung von Erkenntnissen im Zentrum stehe. Er verwies auf psychologische Ergebnisse, die zeigten, dass eine Kasse des Vertrauens besser funktioniere, wenn darauf zwei menschliche Augen abgedruckt seien. Kurz ging er auf Martin Bubers dialogischen Ansatz ein und erläuterte etwas ausführlicher die neueren Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Autismusforschung. Demnach sei bei autistischen Menschen die Fähigkeit zur Wahrnehmung eines gemeinsamen Bewusstseins deutlich eingeschränkt. Anschließend interpretierte er diese theologisch. Während Aristoteles 2. Summerschool Oxford Bild4Person-Beziehungen zu Gott für unmöglich gehalten habe, gehe die jüdische Bundestheologie von einer lebendigen Ich-Du-Beziehung zwischen Gott und seinem Volk aus. Anhand einer Kurzexegese von Ijob 38,4 erläuterte Pinsent sein Verständnis von spirituellem Autismus als der Abwesenheit einer persönlichen Beziehung zwischen Gott und Mensch. Seine Ausführungen bekamen nun einen zunehmend appellativen Zungenschlag.

Im Schlussteil der Präsentation wurde deutlich, dass Pinsents Gedanken zu Kosmologie und Schöpfung eine pointiert kulturkritische Stoßrichtung hatten. Bereits vorher hatte er nicht mit Seitenhieben auf die rationalistische Wissenschaftskultur gespart, etwa als er die etablierte Standford-Encyclopedia dafür kritisierte, keinen Eintrag zum Begriff „insight“ (Einsicht, Erkenntnis) aufzuweisen und das als eine Unzulänglichkeit analytischer Philosophie charakterisierte, die bezeichnend sei. Während er ein christliches Konzept des Kosmos unter Bezugnahme auf ein Zitat von Papst Clemens I als große von Gott gegebene Ordnung entwarf, stellte er diesem die chaotische Weltsicht der Gegenwartskultur konträr gegenüber. Er explizierte seine These anhand fünf ausgewählter Gemälde, die eine veränderte kulturelle Rezeption des Verhältnisses von Natur und Gnade seit dem ausgehenden Mittelalter illustrieren sollten: Während das Genter Altarbild van Eycks ein harmonisches Miteinander von Religion und Natur zeige, löse sich dieses Verhältnis im Verlauf der Neuzeit langsam auf. In der Landschaftsmalerei des 18. und 19. Jh. werde Religion zunehmend zur Nebensache bis sie schließlich ganz aus dem Auge des Betrachters verschwände. Infolge dieser verhängnisvollen Entwicklung erodiere die Darstellung der Natur immer stärker. Während bei van Gogh eine Naturlandschaft nur noch abstrakt dargestellt werde, löse sich bei Pollock die Natur im fragmentarischen Chaos vollständig auf. In dem konstatierten Verlust von Kohärenz, Ordnung und Kontext bestätige sich laut Pinsent seine These vom spirituellen Autismus der zeitgenössischen Kultur und Wissenschaft. Ohne Theologie könne es nur noch Nihilismus geben. Er empfehle daher erstens mehr epistemologische Bescheidenheit, zweitens die Entwicklung einer alternativen Wissenschaftskultur, in welcher intellektuelles Spielen als Wert betrachtet werde, und drittens solle man beten.  

Es blieben lediglich einige wenige Minuten für Rückfragen und Kommentare. Die Anfrage von Frau Berrens, ob es sich bei dem präsentierten Ansatz nicht um Apologetik handele, wies Dr. Pinsent von sich. Prof. Schmidt formulierte in der Art freundlich, aber in der Sache bestimmt, dass er die im Vortrag vorgenommene disqualifizierende Bewertung moderner Gemälde als nihilistisch nicht teilen könne, sondern im Gegenteil die Bilder Pollocks und van Goghs für ästhetisch ansprechender, weil kreativer und spielerischer halte. Der Referent erwiderte kurz, dass für ihn diese Bilder chaotisch seien, weil es dagegen Regeln bräuchte, um Schönheit zu zeigen. Es gab noch weitere kurze Wortmeldungen. Für eine vertiefte Diskussion war jedoch an dieser Stelle kein Raum. Dem gastgebenden Referenten wurde freundlich gedankt und man verabschiedete sich höflich.

In den anschließenden Gesprächen und Diskussionen wurde deutlich, dass die meisten Grakomitglieder die vorgestellten Thesen für inhaltlich hochkontrovers und trotz des aufgelockerten Präsentationsstils für methodisch problematisch hielten. Es darf daher bezweifelt werden, dass sich daraus ein konstruktiver Ansatz für die Bearbeitung der Frage nach Theologie als Wissenschaft ableiten lasse. Kollektiv greifbar wurde dieser Eindruck in der „Fazitrunde“ am Abreisetag, wo sich mehrere Grakomitglieder dahingehend äußerten. Allerdings wies Prof. Wenzel auch darauf hin, dass man gerade auch dialektisch hervorragend lernen könne. Insofern lässt sich mit Blick auf den Beitrag von Dr. Pinsents Präsentation für die Fragestellung des Kollegs und in Anbetracht der Vielfalt an Meinungen vorsichtig festhalten: es gibt innerhalb des Grako einen diskursiven Grundkonsens darüber, dass sich der Wissenschaftsanspruch von Theologie nicht rein selbstreferentiell ableiten lasse, sondern auch vor dem Hintergrund einer positiven Wertschätzung zeitgenössischer Wissenschaft und Kultur bewähren muss. (Simon Neubert)

 

 

Nach dem Vortrag führte uns Prof. Zachhuber durch das Trinity College: Dieses wurde 1555 von Thomas Pope zur Pflege des katholischen Glaubens gegründet. In der Regierungszeit von Mary Tudor („der Blutigen“, reg. 1553-1558) gegründet, ist das Trinity College im Kontext der von ihr unternommenen Gegenreformation zu sehen. Auch baulich war der mönchisch beeinflusste Gedanke des gemeinsamen Lebens und Studieren leitend. So findet bis heute mindestens einmal in der Woche ein Gottesdienst in der Kappelle statt.

Der nächste Programmpunkt fand im Ian Ramsey Centre statt. Im dortigen Konferenzraum hörte die Gruppe zwei Kurzvorträge, welche von Matthias Ruf als Organisator der Einheit moderiert wurden. Der erste davon wurde von Prof. Allister McGrath zu dem Thema Theological aspects of the scientific method gehalten. McGrath ist Professor für Science and Religion an der theologischen Fakultät Oxford und anglikanischer Priester, ebenso aber in molekularer Biophysik ausgebildet. In seinem Vortrag versuchte er von einem wissenschaftstheoretischen Standpunkt im Sinne Karl Poppers Bezüge zwischen den Naturwissenschaften und Theologie herzustellen.

McGrath begann seinen Vortrag mit der Betonung der Notwendigkeit eines Dialogs zwischen Theologie und Naturwissenschaften (science). Dieser Dialog sollte ein Denken fördern, bei dem die Beschäftigung mehrerer Disziplinen mit demselben Gegenstand weder als Konflikt aufgefasst wird, noch bei dem die Interdisziplinarität zur Oberflächlichkeit führt. Dies sei auch genau der Gedanke des Ian Ramsey Centres, welches seit 1985 an der Universität Oxford angesiedelt ist.

Im ersten Hauptblock wurde gefragt, welche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Methoden für die Theologie wichtig wären. Ein Beispiel sei die evolutionsbiologische Einsicht, dass die Ausbildung von Religiosität ein natürliches Phänomen sei (minimal counter intuitive). Autisten hätten oft ein Problem damit, Religiosität zu verstehen. Vor diesem Hintergrund könne man auch die Vertreter des neuen Atheismus hinterfragen, welche meist weiße Männer der Mittelklasse seien – diese spitze Bemerkung zielte wohl auf mögliche Defizite dieser Personen ab. Ein anderes Beispiel sei die Notwendigkeit, den positiven Blick des 19. Jahrhunderts auf Rationalität zu überdenken: Zu jener Zeit sei die Entscheidung für Religion als in erster Linie rational begriffen worden. Psychologische Erkenntnisse zeigten allerdings, dass Theorien oft gerade nicht unter rationalen Gesichtspunkten ausgewählt werden. Interessant sei ebenfalls der naturwissenschaftliche Versuch, Komplexität in Schichten (levels) zu gliedern, die durch unterschiedliche Disziplinen mit unterschiedlichen Methoden erforscht werden. Die gleiche Methode könne also nicht überall funktionieren, das Sein müsse vielmehr die erkenntnistheoretische Entscheidung leiten (ontology determines epistemology). Diesem Versuch der Unterteilung folgend könne man auch fragen, wie sich Religion (als großes Ganzes?) zur Theologie (als Teilbereich?) verhält. Ein letztes Beispiel, wo Naturwissenschaften für Theologie interessant sind, seien Analogien: Auch in der Physik wären diese unentbehrlich – zwar ist es erwiesen, dass das Orbitalmodell der Atome falsch ist (in dem Sinne einer Korrespondenztheorie der Wahrheit), es erfülle jedoch einen entscheidenden Erkärungszweck. Man kann jedoch nicht immer Schlüsse aus dem Modell ziehen, die auch in der Realität greifen. Dies verhalte sich ganz ähnlich bei Analogien über göttliche Eigenschaften.

Im zweiten Hauptblock drehte McGrath die Frage um und machte deutlich, dass auch Theologie für Naturwissenschaften interessant sei. Seinen Hauptansatzpunkt sah er im fragmentarischen Blick, den Naturwissenschaften auf die Wirklichkeit hätten. Theologie könne helfen, eine Kohärenz der Realität zu sehen. Ein szientistisches Weltbild sei mangelhaft, wie beispielsweise bei Richard Dawkins gesehen werden könne: Ein verarmtes Universum, wie dieser es beschreibe, sei eines, mit dem Menschen entsprechend psychologischer Evidenz nicht zufrieden sein könnten. Neues Heidentum (new paganism), welches in England immer mehr Zulauf findet, sei eine Konsequenz davon. McGrath brachte hier den Vergleich der Nahrung: Menschen würden Sinn suchen, wie sie Essen suchen. Es sei – auch evolutionsbiologisch – anzunehmen, dass dieser gefunden werden könne, wie dies ebenso bei Nahrungsquellen der Fall sei. Hier könne Theologie einen entscheidenden Beitrag leisten. Ein metaphysisches Element sei auch bei normalen wissenschaftlichen Prozessen erkennbar: Man könne zwar zeigen, wieso Gravitation Dinge besser erklärt, man könne aber nicht zeigen, wie Newton diesen Einfall bekam.

Der Vortrag wurde allgemein positiv aufgenommen und es gab einige kurze Rückfragen, die McGrath beantwortete. Die Diskussion wurde dann der fortgeschrittenen Zeit wegen in die Kaffeepause verlegt, in der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich in kleineren Gruppen austauschten. (Tim Sievers)

 

10.09.: 9:00 Prof. Dr. Nicolai Sinai (Faculty of Oriental Studies; Islamic Studies) Vortrag mit anschließender Diskussion. Schriftinterpretation im Koran

 

10.09.: 11:00 Workshop mit Dr. Sven Ensminger: „Theologie der Religionen“

 

10.09.: 14:00 Führung: Bodleian Library

 

11.09.: 9:00 Fazitrunde

Herr Wenzel eröffnet die letzte Einheit der Summer School. In der Feedbackrunde soll es um die Evaluierung der Sitzungen dieser Woche gehen. Die Protokollanten der einzelnen Tage werden gebeten, nacheinander die Kernaussagen der Sitzungen wiederzugeben und ihr eigenes Feedback zu geben, bevor dann alle Teilnehmer ihre Kommentar, Kritik, Vorschläge vortragen können.

1. Programmpunkt: Rede von Graham Ward am Sonntagabend. Zusammengefasst von Matthias Ruf:

Er fasst den Sonntag unter dem Stichwort „Sinnliche Erfahrung“ zusammen und verweist auf Evensong und Dinner-Vortrag von Ward, der ihm wegen Performance und Inhalt in Erinnerung bleiben wird. Ward verzichtete auf eine Überschrift für seinen Vortrag, der die Kernthese des „Making the invisible visible“ enthielt. M. Ruf meint, dass die Bedeutung davon unklar geblieben sei. Vermutlich habe Ward die ästhetische (Gottes-)Erfahrung durch „imagination“ und körperlicher Erfahrung gemeint, i.S. einer Pädagogie der Sinne.

FEEDBACK: Herr Wenzel schlägt für die nächste Runde des Graduiertekollegs ein Promotionsprojekt zur theologischen Ästehtik vor.

 

2. Programmpunkt: Vortragsgespräch mit W. Jeanrond (Master of St. Benet’s Hall) und Herrn Wenzel. Zusammengefasst von Emine Kurum.

Im Vortrag ging es um die Vorstellung des akademischen Betriebs in Oxford und dessen Eigenheiten. In E. Kurums eigener Einschätzung legt sie den Schwerpunkt auf die beeindruckende Persönlichkeit Jeanronds, die den Geist des Hauses, sowohl im akademischen als auch zwischenmenschlichen Sinn, widerspiegelt. E. Kurum hebt Herrn Jeanronds Bestreben hervor, jeden Studenten nach seinen Fähigkeiten sowie das gemeinsame Arbeiten in kultureller und religiöser Vielfalt in Benet’s zu fördern.

FEEDBACK: Unser Kolleg hat in dieser Woche, inspiriert durch den Geist von St. Benet’s Hall, einen gemeinsamen Umgang in Respekt und Offenheit entwickelt (Fatma Aydinli). Herr Jeanrond repräsentiert auch die Theologie, wie sie in Oxford betrieben wird – nicht konfessionell gefangen, aber trotzdem identifizierbar (Friederike Eichhorn). Heiko Schulz schlägt Herrn Jeanrond als Fellow des GraKo vor.

 

3. Programmpunkt: Seminar zum Oxford-Movement sowie Stadtführung Oxford. Zusammengefasst von Nadine Breitbarth.

Motiv des Oxford-Movements war die Stärkung der Katholizität in der Anglikanischen Kirche. Die Berufung auf die Kirchenväter und die Lektüre ihrer Werke waren dabei zentral. Interessant bleibt die Frage, wie im Oxford Movement Verbindlichkeit in der Frage der Textauswahl geschaffen wurde. Frau Breitbarth verweist auf den „Saloncharakter“ dieses Entscheidungsfindungsprozesses.

FEEDBACK: Die Frage nach der Bedeutung der Kirchenväter in unserem heutigen Kontext bleibt weiterhin spannend, daher sind auch Experten dazu - etwa auch aus der jüdischen und islamischen Theologie - einzuladen.

 

4. Programmpunkt: Seminar mit Brian Klug. Zusammengefasst von Gilad Shenhav.

Klug stellte eine Lesart der biblischen Erwählungsgeschichte des Volkes Israel vor. Zwei Punkte sind zentral: Gott erwählt dieses Volk nicht wegen eines besonderen Attributes, vielmehr sei es ihre Notlage, weshalb Gott die Israeliten erwähle. Klug hebt die Unmöglichkeit der Erfüllbarkeit des Versprechens hervor, das das Volk Gott gegenüber eingeht. In Bezug auf die Auslegung des Bibeltextes und einer Aktualisierung aus heutiger Sicht warnt er vor den unabsehbaren politischen Folgen einer unzureichenden Differenzierung zwischen dem „them“ und „us“, dem biblischen Volk Israel und dem heutigen jüdischen Volk.

FEEDBACK: Diese Einheit war nicht nur eine intellektuelle Lehrstunde, sondern auch eine Einsicht in die jüdische Religion (F. Eichhorn), sowie ein gelungener Versuch, das Judentum aus persönlicher Erfahrung zu definieren und zugleich wissenschaftlich zu bleiben (Shenhav). Allgemein wird ein Bedürfnis der GraKo-Teilnehmer festgestellt, das Akademische von Aspekten der Authentizität religiöser Überzeugung in gelungener Weise begleiten zu lassen.

Brian Klugs Einheit zur Bibelauslegung habe gezeigt, dass eine Textinterpretation immer eine Beanspruchung des Textes bedeutet, für die der Interpret Verantwortung übernehmen muss (Nols, Wenzel).

 

 

5. Programmpunkt: Lektüreeinheit zu Buxtorfs Buch „Judenschul“, sowie zum Seminar mit Joanna Weinberg zu diesem Werk. Zusammengefasst von Lisa Marie Wichern.

 

Aus der Beschäftigung mit Buxtorfs Werk bleibt vor allem die Diskrepanz zwischen Buxtorfs offener und breit angelegter Polemik gegen das Judentum und seinem persönlichen, engen Umgang mit jüdischen Mitarbeitern und Bekannten in Erinnerung. Der Grund dieser Diskrepanz bleibt unklar – handelt es sich hier um bewusst gesetzte strategische Polemik, um sich nach außen vor dem Vorwurf einer allzu großen Sympathie für das Judentum zu schützen, wie es in der Lektürerunde vorgeschlagen worden war, oder ist es doch unreflektierte Polemik, deren Ursache in der Person Buxtorfs zu suchen ist, aber letztlich unklar bleiben muss, wie Joanna Weinberg meint?

FEEDBACK: Die konstruktive Diskussion aufgrund der auseinandergehenden Beurteilung der Polemik des Buxtorfs-Textes nach der ersten gemeinsamen Lektüre und der nachfolgenden Auseinandersetzung mit einer Expertenmeinung macht diese Herangehensweise zu einem interessanten  Format, das sich als Format für weitere GraKO-Veranstaltungen zu wiederholen lohnt (Broggio). Die unterschiedliche Interpretation ist ein Appell dafür, sich immer wieder die eigenen Voraussetzungen bei der Lektüre von Texten bewusst zu machen (Eichhorn).

 

 

6. Einheit: Vortrag von J. Zachhuber zur Theologie als Wissenschaft im 19. Jahrhundert. Zusammengefasst von Tabea Kraaz.

 

Der Vortrag, der das Rahmenthema des GraKos zum Gegenstand hat, verdeutlicht, dass die Frage, wie Theologie als Wissenschaft zu verstehen und zu betreiben ist, historisch an den Ort der Universität gebunden ist. Sie ist keine moderne Frage, sondern setzt mit der Entstehung der Universitäten im ausgehenden 13. Jahrhundert ein.

FEEDBACK: Die Frage nach der Plausibilisierung von Theologie muss immer wieder neu gestellt werden. Als Subtext ist die Frage nach der „Legitimität“ von Theologie als universitärer Wissenschaft in den Diskursen des GraKos stets gegenwärtig (Wenzel), müsse hier aber auch noch häufiger explizit erörtert werden (M. Ruf).

Der Vorschlag, Herrn Zachhuber nach Frankfurt einzuladen, stößt allgemein auf Zustimmung.

_______________________________________________________________________________

 

7. Einheit: Besuch im Ian Ramsey-Center. Zusammengefasst von Simon Neubert.

 

Der Besuch im Ian Ramsey-Center hat die Notwendigkeit des Dialogs zwischen Theologie und Naturwissenschaften vor Augen geführt. Der naturwissenschaftliche Fortschritt hat Sinnfragen aufgeworfen, die durch die naturwissenschaftliche Methode selbst nicht beantwortet werden können. Die Theologie muss hier Gesprächspartner für Gesellschaft und Wissenschaft sein.

FEEDBACK: Die akademische Doppelqualifikation der beiden Gesprächspartner sowie der Inhalt der Vorträge haben aber auch gezeigt, wie anspruchsvoll ein solcher Dialog ist, der oft mangels ausreichenden Hintergrundwissens auf beiden Seiten zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen führen kann, die wenig hilfreich sind.

M. Ruf appelliert an die neuen Stipendiaten, früh die Möglichkeiten des GraKos zu nutzen, Experten anzuschreiben und Gäste einzuladen, um über so wichtige Themen wie dem Dialog mit den Naturwissenschaften ins Gespräch zu kommen.

8. Einheit: Nicolai Sinai – Textinterpretation im Islam. Zusammengefasst von Wael Abbas.

 

Herr Sinai untersucht den Koran aus philologischer Perspektive unter der Fragestellung der Interpretation und Selbstinterpretation des Korans und der Frage nach möglicher Textinspiration auch durch christliche mündliche Traditionen.

FEEDBACK: Die Teilnehmer waren allgemein begeistert von der Methodik und Darstellungsweise von Herrn Sinai. Als Experte für islamische Studien, der aber auch die anderen religiösen Traditionen kennt, wäre er ein wertvoller Gesprächspartner für das GraKo und soll als Fellow angefragt werden; in diesem Zusammenhang werden auch andere Experten mit ähnlichem Hintergrund genannt. Allgemein ist das Interesse deutlich, mehr Veranstaltungen mit Experten aus den Islamwissenschaften zu organisieren.

 

9. Einheit: Theologie der Religionen – Sven Ensminger. Zusammengefasst von Jonas Leipziger.

 

Sven Ensminger präsentierte seinen Versuch, Karl Barth zur Grundlage einer Theologie der Religionen zu machen, die nicht in die gängigen Kategorien von Inklusivismus, Exklusivismus und Pluralismus passt.

FEEDBACK: Die sich an Herrn Ensmingers Vortrag anschließende Diskussion zwischen ihm und den Teilnehmern der Summer School wird allgemein verstanden als hilfreich für die eigene Positionierung des Grakos im Themenkomplex des interreligiösen Dialogs und dessen angemessener Reflexion. Die Mitglieder des GraKos sind sich einig, dass jede Religion in ihrem Eigenwert ernstgenommen werden muss und sich dies auch in ihrer Behandlung aus der Sicht der jeweils anderen Religion widerspiegeln muss.

Allgemein erfolgt der Appell an die Stipendiaten, in ihrer eigenen Forschungsarbeit Begrifflichkeiten eindeutig und nachvollziehbar zu verwenden, zu verdeutlichen und kritisch zu reflektieren. Gerade der Offenbarungsbegriff bedarf der Klärung und Verständigung – eine eigene GraKo-Veranstaltung, etwa in Form des Winterblockseminars, sei hilfreich. Zudem wird die Einrichtung eines gemeinsamen Readers mit einleitenden und grundlegenden Texten zu den im GraKo vertretenen Forschungsgebieten vorgeschlagen.

 

Feedback zur Organisation der Summer School:

Programm und Organisation der Summer School finden ein einhellig positives Feedback. Die Stadt Oxford sowie St. Benet’s Hall waren ein gelungener Rahmen für eine gelungene inhaltliche Arbeit aller Teilnehmer und ein sehr harmonsiches Miteinander, das mitgenommen werden soll in die weitere Arbeit des GraKos in Frankfurt. Zum Gelingen haben wesentlich die reibungslose Zusammenarbeit der Koordinatoren sowie deren hilfreiche Unterstützung durch Ortskundige beigetragen. Mit Blick auf die zukünftigen Summer Schools wird um noch mehr Eigeninitiave der Stipendiaten bei der Vorbereitung gebeten sowie um mehr Zeit vorab für die vorbereitende Lektüre der Texte.

(Edith Broggio und Patrick Brimioulle)


Summerschool Oxford Gruppenbild_neu