Home
deutsch english

KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

Facebook-Seite des GRK






Workshop Formen und Funktionen des Rechts in den Theologien

Der Workshop zum Verhältnis von Theologie und Recht fand am 14. November 2014 in Frankfurt auf dem Campus Westend statt.

Ziel des Workshops war, das Verhältnis in Frage zu stellen, und auf diese Weise den Theologiebegriff weiterzuentwickeln und zu schärfen: Wo und wie hat Theologie selbst Rechtsform angenommen? Wo hat sie auf ihre eigene oder aus ihrer Sicht zu ihr extern situierte Rechtlichkeit reflektiert? Ist das religiöse Recht der jeweiligen Glaubensgemeinschaft ein bestimmtes Spezialgebiet der Theologie, oder mehr eine spezielle Quellengruppe oder Argumentationsform, die sich durch verschiedene theologische Spezialgebiete durchziehen? Und zudem steht sie immer wieder selbst unter rechtlichen Bedingungen, etwa des staatlichen als auch – jedenfalls in bestimmten Fällen, wie der katholischen Theologie – eines von der Glaubensgemeinschaft selbst erlassenen Studien- und Hochschulrechts: wie ist Theologie hier aufgefasst, und wird diese Verbindung innerhalb der Theologien noch einmal Thema und Gegenstand der Reflexion?

Im Blick auf die Geschichte der je einzelnen religiösen Traditionen, aber auch im Vergleich der Traditionen zeigt sich eine enorme Vielfalt unterschiedlicher Antworten auf diese Fragen. Um diese Vielfalt in möglichst breiter Differenzierung einzubeziehen, waren fünf Referenten eingeladen, welche sowohl interdisziplinär verschiedene Paradigmen, Schwerpunkte und Herangehensweisen einbrachten, als auch interreligiös Positionen aus Judentum, Christentum und Islam vertraten.

Nach einer Einführung durch Dr. Britta Müller-Schauenburg (Frankfurt, Kirchengeschichte) stellte Prof. Dr. Gunnar Folke Schuppert (Berlin, Rechtswissenschaft) den Stand der Forschung zum Konzept der Governance und zu nichtstaatlichen Rechtssystemen vor, sein Forschungsschwerpunkt seit mehreren Jahren. Während der Begriff „Recht“ aus moderner Sicht oft als untrennbar mit Staatlichkeit angesehen wurde, erkennt diese Perspektive Prozesse der nichtstaatlichen Selbstregulierung von Gruppen, seien es Glaubensgemeinschaften, Handelsgemeinschaften o.a., grundsätzlich ebenfalls als „Recht“ an. Rechtswissenschaft ist dann nicht mehr ausschließlich oder auch nur vornehmlich Staatswissenschaft, sondern eine „Regelungswissenschaft“, die auf das Zusammenwirken der nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ sehr unterschiedlichen Rechtssysteme reflektiert. Recht von Glaubensgemeinschaften wird nicht grundsätzlich als „religiöses“ Recht angesehen, auch dann nicht, wenn, wie z.B. im Fall der Kanonistik, die Disziplin Teil der theologischen Ausbildung ist. Es wird nur dann als religiöses Recht angesehen, wenn in der Normbegründung auf Gott rekurriert wird, d.h. göttliche Offenbarung als solche als „Rechtsquelle“ herangezogen wird. Ein bestimmter Typ des Rekurses auf Heilige Schriften fällt hier darunter. Solange jedoch exegetische Arbeit mir der Heiligen Schrift nicht direkt in Normierung menschlichen Handelns mündet, fällt sie darunter nicht. Im Zentrum der Governanceforschung steht, wie mehr vor allem vergleichend in der Diskussion deutlich wurde, die hierarchisch strukturierte Glaubensgemeinschaft als Regelungskollektiv, und zwar dezidiert auch im Sinne des Objekts: das Kollektiv ist Gegenstand und Adressat der Normierung.

Prof. Dr. Ronen Reichman (Heidelberg, Jüdische Studien) präsentierte den rabbinischen Rechtsdiskurs, der mindestens bis in die Moderne hinein das Gros jüdischer Reflexivität der  Glaubenstradition ausmacht. Hier ist Theologie im Sinne einer reflektierten methodischen Beschäftigung mit dem Religiösen quasi identisch mit Rechtsdiskurs, neben der zwar auch eine disziplinäre Theologie, die sich mit Glaubensgrundsätzen befasst, existiert, aber in den Hintergrund tritt. Der hermeneutische Fokus dieses Diskurses auf die praxisbezogene und theoretische Tradierung und Erschließung einer göttlich gleichsam vorgegebenen normativen Ordnung kultiviert, durch Techniken des Kommentierens, die Praxis der Responsen und durch die Tradition widersprechender Ansichten, eine Debattenkultur, deren argumentativer und institutioneller Zusammenhang selbst nicht noch einmal rechtlich geregelt ist, sondern faktisches Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen einem ausgeprägt traditionsbezogenen und einem rationalen Rechtsethos ist. Dieses Faktum, so Reichman, konstituiert den Systembezug der rabbinischen Rechtskultur, für den die Verpflichtung zur Wahrheit in der religiösen Form einer ersehnten Gottespräsenz als eine dem Diskurs innewohnende Korrektivfunktion fungiert. So wird wiederum  – gewissermaßen „systematisch“ – das Offenhalten des Interpretationshorizonts als die Unabgeschlossenheit des Verstehens bewahrt und reflektiert: Die Pluralität halte den Verstehenshorizont offen für Gottespräsenz, dieser Horizont als Grenze der Definition sei eine permanente Erinnerung an das Unabgeschlossene menschlichen Verstehens, und die widerstreitende Reflexion guter und menschengemäßer Praxis könne angesehen werden als Ort der Gottesbegegnung. Eine wesentliche Bedingung der Möglichkeit einer derart strukturierten religiösen wissenschaftlichen Disziplin stellt, so Reichman,  deren lebensweltlich orientierten Charakter dar. „Lebensweltlich orientierter Charakter“ als Reflexionsbegriff ist eine für eine konkrete Gesprächssituation, für diesen Workshop, gebildete Formulierung, um einerseits die „Rechtsförmigkeit“ jüdischer Theologie darzustellen, andererseits aber vor dem Missverständnis zu bewahren, die sich mit dem Begriff „Juridifizierung“ z.B. in den Traditionen der evangelischen und katholischen Theologie verbindet. Es repräsentiert ebenso wenig „die jüdisch allgemein anerkannte“ Perspektive, wie auch prominente Gelehrte wie Maimonides mit ihren Versuchen, in die interdisziplinären oder interkulturellen Diskurse einzutreten, immer – herausragende – Randfiguren des eigentlichen jüdischen Gemeinschaftsdiskurses blieben.

Prof. Dr. Ulrich Rhode (Rom, Kanonistik) führte erstens ein in die Systematik des katholischen Kirchenrechts, das als zwei Bereiche des eigenen Stoffgebiets Göttliches Recht (ius divinum) und Menschliches Recht (ius mere ecclesiasticum; wörtlich: „rein kirchliches Recht“) unterscheidet. Das ius divinum umfasst Naturrecht und Offenbarungsrecht, das ius mere ecclesiasticum Gewohnheitsrecht und Schriftliches Recht, d.h. das Kirchenrecht versteht seinen Normenbestand als sehr umfassend. Den Regelungsbereich hingegen versteht es als deutlich eingeschränkt, d.h. es hat nicht den Anspruch, jeden Vollzug des Lebens zu regeln, sondern sieht nur bestimmte Felder als kirchenrechtlich regelungsbedürftig an. Das Verhältnis zum staatlichen Recht ist, historisch gewachsen, zweifach: zum einen bilden zahlreiche Verträge zwischen Kirche und Staat einen Überschneidungsbereich von staatlichem und kirchlichem Recht, zum anderen gibt es einseitig erlassenes kirchliches Recht und einseitig erlassenes staatliches Religionsrecht. Diese Rechtssystematik besitzt Verbindungen zur Theologie vor allem in der Frage, was als Göttliches Recht wie zu erkennen ist, und in der Verhältnisbestimmung von Göttlichem und Menschlichem Recht. Zweitens ist Kirchenrecht Gegenstand der Theologie, insofern Kanonistik als akademische Disziplin im Fächerkanon der Theologie ein obligatorisches Fach darstellt. Zudem gibt es im Einzelfall auch eine eigene kanonistische Fakultät, und Kanonistik kann – historisch – als Doppelstudium mit weltlichem Recht betrachtet werden. Drittens gibt es kirchenrechtliche Vorschriften für das Studium der katholischen Theologie, in Form des kirchlichen Hochschulrechts: Theologie als Wissenschaft im Sinne einer akademischen Disziplin ist Gegenstand des Kirchenrechts, das die Gliederung der Studienfächer, Studiendauer, Rahmencurricula und Zulassungswege und Voraussetzungen der Lehrenden vorschreibt.

Wie sehr diese ausgeprägte Systematik ein Ergebnis historischer Entwicklungen ist, und wie anders sich die Situation noch im 12. und 13. Jahrhundert darstellte, wurde deutlich in der Präsentation von Apl. Prof. Dr. Gisela Drossbach (Augsburg, Geschichte), die die Entstehung einer Papstbriefsammlung im 12. Jahrhundert beschrieb. Solche Sammlungen wurden oft von Laien erstellt, zunächst nicht auf Anordnung einer kirchlichen Autorität, die, wenn sie einmal existierte und als hilfreiches Instrument erkennbar wurde, von der kirchlichen Autorität gerne aufgenommen und benutzt wurde. In einem Prozess, der oft nicht entlang der kirchlichen Hierarchie, und schon gar nicht monodirektional von oben nach unten verlief, und der auch viele unintelligible (faktische, objektbezogene) Züge trägt, d.h. zur „Norm“ konkrete Kodizes und individuell gut gelungene Kommentare hatte, erfolgte die Rechtsfortbildung für das kanonische Recht z.B. dem rabbinischen Diskurs ähnlicher, als man bei Ansicht der heutigen Verfasstheit beider Glaubensgemeinschaften vermuten würde. Drossbach betonte die Dynamik dieser Entwicklung, und das ihr zugrundeliegende Prinzip der Rationalisierung: ausgehend von Einzelproblemen, die gelöst werden mussten, bildeten sich Urkunden- und Normensammlungen, die der Übersichtlichkeit halber und im Interesse der Gleichbehandlung von einer systematisch begabten Person in eine Ordnung gebracht wurden, wobei die kirchliche Autorität oft nur den letzten Schritt tat, ein solches Werk mit ihrer Autorität zu unterstützen, d.h. mit ihrer Autorität zu versehen.

Ein sehr ähnlicher Rationalisierungsprozess lässt sich für die gleiche Epoche beobachten im Feld des sunnitischen islamischen Rechts, wo eine fast unübersehbare Vielfalt an Rechtslehren und -positionen sich zu vier großen Schulen verdichtete. Auch hier lässt sich nicht bzw. ähnlich wenig wie im Judentum eine Theologie getrennt vom Rechtsdiskurs ausmachen. Serdar Kurnaz M.A. (Frankfurt, Islamische Theologie) stellte aus dem Feld des klassisch-islamischen Recht dieser Zeit Grundlinien der Argumentation dar. Insbesondere die Frage nach dem Rekurs auf den Koran und die Sunna, und dabei auf göttliches Recht, darf hierbei, so Kurnaz, nicht als kurzschlüssig oder eindimensional vorgestellt werden. Anhand der Untersuchung einer Auslegung zeigte er, wie differenziert hier die „menschliche“ Seite der Auslegung und Anwendung Berücksichtigung fand. Gegenbegriff zu „göttlich“ ist, gemäß der Terminologie des Vortrags, „rational“, die ratio (legis), nicht „menschlich“: Die Grenze und die Rolle der Vernunft bei der Auslegung des geoffenbarten Rechts ist der hermeneutische Dreh- und Angelpunkt, um den sich die Reflexivität sammelt.

Der Diskussion moderierte Dr. Ottfried Fraisse (Frankfurt, Judaistik). Ausgangspunkt bildete die Frage nach der Hermeneutik des Gesetzgebers: Woher kommt das Recht jüdisch, christlich und muslimisch gedacht, in den verschiedenen Facetten, die jede Tradition noch einmal unter sich zusammenfasst? Ist es identisch gedacht mit Offenbarung? Im Gespräch griff das Graduiertenkolleg gemeinsam mit Gästen des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt, des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg, der ev. Theologie in Heidelberg und der ev. Theologie in Tübingen, die wir begrüßen durften, folgende Punkte besonders auf:

  1. Naturrecht, katholisch verstanden als Vernunftrecht und der Streit um das Wesen der Vernunft
  2. Koran als Rechtsquelle?
  3. Institutionalisierung eines Zirkels der fortdauernden Selbstverrechtlichung (Kanonistik) vs. der fortdauernden Selbstbegrenzung hinsichtlich der Normfestsetzung (Rabbiner)
  4. Recht alternativ zu Moral – wo Kirchenrecht nicht besteht, wird über Moral gesteuert?
  5. Normenkonkurrenz interreligiös  („Kopftuchdiskussion“ nicht nur im Gegenüber zum Staat, sondern auch religionseigenen Einrichtungen anderer Glaubensgemeinschaften)

Es zeigte sich, dass die Frage nach Formen und Funktionen des Rechts in den Theologien die drei religiösen Traditionen in ein lebhaftes Gespräch verwickelt, in dem sie wohltuend und überraschend gleich intensiv Anteil haben. Ein weites Feld an Reflexivität, das sich zu heben lohnt, wobei es eben nicht nur um das Verhältnis von Recht und Religion, sondern von Theologie und Recht geht, und in diesem Bereich um Gemeinsamkeiten und Differenzen im historischen und systematischen Vergleich: Rechtsquellenlehre(n) und ihre theologischen Implikationen und Konsequenzen, Regelungsbereiche und Regelungsmaterien im Vergleich, (Rechts-)Positivismus und Vernunftkonzeption, Techniken der Rechtsfortbildung, Ausbildungsordnungen, und nicht zuletzt das komplexe Recht unterschiedlicher Ämter und Aussagekontexte der Glaubensgemeinschaften, zugleich Resultat und Gegenstand von Erfahrungen und Nachdenklichkeit im Spannungsfeld der Macht.

 

Die Publikation des Workshops finden Sie hier.