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Internationale Konferenz „Beyond the Myth of Golden Spain“

Beyond the Myth of Golden SpainKonferenzbericht: „Beyond the Myth of Golden Spain – Patterns of Islamization in Modern Jewish Scholarship on Islam“  (8. und 9. Juli 2014)

Das imaginäre Zentrum der Konferenz bildete die Frage: Sollte auch die jüdische Orientalistik insgesamt der politischen Agenda der allgemeinen Orientalistik im 19. und 20. Jahrhundert gefolgt sein, wonach der (islamische) Osten stets als statisch und irrational, der (christliche) Westen aber als dynamisch, rational und sich entwickelnd angenommen wurde (und wird)? Dies war zumindest der Vorwurf, den der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said in seinem äußerst einflussreichen Buch Orientalism (1978) der allgemeinen Orientalistik gemacht hatte. In der Tat genügt es zur Widerlegung dieses Vorwurfs nicht, auf die Darstellung jüdischer Autoren zu verweisen, die nachdrücklich ein angeblich egalitäres Verhältnis zwischen Juden und Muslimen im mittelalterlichen Spanien beschworen hatten. In der Forschung wurde dieses Bild vom Goldenen Spanien unlängst als ein – wenn auch positiv – diskriminierendes Stereotyp des Islam entlarvt. Es war ein Mythos, der ebenfalls zu politischen Zwecken in Umlauf gebracht worden war, ohne dass ein eigenständiges Interesse am Islam und den Muslimen bestanden hätte.

Jedoch gab es eine Gruppe von jüdischen Forschern, so die These der Konferenz, deren Werk darauf abzielte, einen Blick auf den Islam jenseits des stereotypen Modells vom Goldenen Spanien zu werfen – einen Blick, dem gerade heute für ein wirkliches Verständnis des Islam verstärkte Bedeutung zukommt. Es handelt sich um Forscher, die weitgehend abseits der Politik mit großer philologischer Akribie die gesamte Entwicklung des Islam von seinem Ursprung bis in die Moderne erforscht haben. Diese sogenannten jüdischen Orientalisten haben bislang weder von der Orientalistik oder Religionswissenschaft, aber auch nicht von der Islamwissenschaft oder Judaistik die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erfahren. Sie hatten ein eigenständiges wissenschaftliches Interesse an der Erforschung des Islam unter signifikanter Absehung des bipolaren Interpretationsschemas vom positiv konnotierten Westen und negativ konnotierten Osten. Die jüdischen Orientalisten zeigten vielmehr mehrheitlich eine auffällige Empathie mit ihrem Forschungsgegenstand, ohne sich ihren wissenschaftlichen Blick in irgendeiner Weise trüben zu lassen. Die Klärung des Ursprungs dieses paradoxen Phänomens, das nahelegt von Mustern der Islamisierung der jüdischen Orientalistik zu sprechen, bestimmte die Konzeption der Konferenz.

Nach der Begrüßung der eingeladenen Referenten durch den Vizepräsidenten, Prof. Lutz-Bachmann, und durch den Kooperationspartner der Konferenz, Prof. Christian Wiese, betonte Dr. Ottfried Fraisse in einer Einleitung, dass es für das Verständnis des Werks der jüdischen Orientalisten notwendig sei, deren Erforschung in einen zeitlich und konzeptuell weiter gesteckten Horizont zu stellen als der des 19. und 20. Jahrhundert, der von Said als konstitutiv für die Orientalistik behauptet worden war. Diese geweitete Perspektive müsste mindestens die Periode zwischen 700 bis 1300 n.u.Z. umfassen, in der sich Judentum und Islam im Nahen und Mittleren Osten unmittelbar gegenseitig geformt hatten. Für die Analyse des empathischen Verhältnisses der jüdischen Orientalistik zum Islam könnte diese Perspektive nicht nur hilfreich sein; sie könnte auch der Garant dafür sein, dem für westliche Forscher fast unausweichlichen Vorwurf des Said'schen Orientalism zu entkommen. Vielleicht könnte man, so ein Ziel der Konferenz, auf diese Weise dem lang gesuchten Begriff eines Post-Orientalism näher kommen.

In diesem Sinn eröffnete Prof. Yossef Schwartz (Tel Aviv University) die erste Sektion der Konferenz mit einem Vortrag zur Perspektive, die die jüdische Orientalistik auf das Mittelalter entwickelt hatte. Zwar konstatierte Herr Schwartz eine kulturell motivierte Zäsur zwischen der lateinischen und der arabischen Hemisphäre, jedoch betonte er – gegen Said –, dass die Juden auf beiden Seiten tätig waren. Prof. Irene Zwiep (Universiteit van Amsterdam) bestätigte diesen Befund, indem sie die sich mit anderen Kulturen vielfach überlagernde arabische Kultur als das wissenschaftliche Leitkonzept in Moritz Steinscheiders Forschung, einem der Begründer der jüdischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert, herausstellte. Noch das Werk Shlomo Goiteins habe sich, wie Prof. Gideon Libson (Hebrew University) ausführte, aus einer in der langen gemeinsamen Geschichte wurzelnden jüdisch-muslimischen „Spiritualität“ gespeist.

Ein zweiter Teil der Konferenz behandelte in den Sektionen 2 und 3 das Verhältnis der jüdischen Orientalisten Martin Schreiner (Dr. Ottfried Fraisse, Goethe-Universität), Leo Strauss (Prof. Steven Harvey, Bar Ilan University) und Salomon Munk (Prof. Paul Fenton, Sorbonne) zum Islam. Alle behandelten Autoren erkannten im arabischen Rationalismus des Mittelalters eine ausgesprochen positive Wirkung auf die Entwicklung des Judentums wie auch auf die kulturelle Dynamik zwischen Europa und dem Orient überhaupt – im Unterschied zum Christentum, das vor allem in der Neuzeit das Judentum (und den Islam) stets als deviant glaubte deklassieren zu müssen, wie Prof. Christian Wiese (Goethe-Universität) zu Martin Schreiner ausführte. Prof. Norman Stillman (University of Oklahoma) schloss den Abend des ersten Konferenztags mit der Keynote Lecture ab, in der er als eine der charakteristischen Züge im Werk aller jüdischen Orientalisten ihre Behandlung des Islam als Zivilisation und nicht in erster Linie als Religion hervorhob.

Jedoch rückten am zweiten Kongresstag auch kritische Aspekte an der Forschung jüdischer Orientalisten in den Vordergrund. Nach Dr. Yuval Evri (Tel Aviv University) war Abraham S. Yahuda ein jüdischer Orientalist, der zwar für eine größere Aufmerksamkeit für die östliche Kultur, besonders unter den Zionisten, kämpfte, jedoch tat er dies, indem er den westlichen Mythos der jüdisch-muslimischen Symbiose in al-Andalus beschwor. Dr. Noah Gerber (Hebrew University) erkannte in der Forschung des in Frankfurt geborenen Walter J. Fischel die Rückprojektion seines deutsch-jüdischen bürgerlichen Ursprungs: in eurozentristischer Perspektive suchte er in Arabien und Persien nach dem authentischen Judentum – ohne tieferes Interesse an der umgebenden Kultur des Islam. Auch in der Konversion der Juden Leopold Weiss, Hugo Marcus und Lev Nussimbaum sah Prof. Reinhard Schulze (Universität Bern) lediglich eine bürgerliche Attitüde und kein wirkliches Interesse am Islam.

In der fünften Sektion und der abschließenden Diskussion stand schließlich die Frage nach der aktuellen Bedeutung des Werks der jüdischen Orientalisten im Vordergrund. Nach Dr. Muhammad Abu Samra (Tel Aviv University) übt die Forschung Ignác Goldzihers durch die Übersetzung der meisten seiner Werke noch heute eine nachhaltige Wirkung auf den arabischen Sprachraum aus. Leider werde aber die wissenschaftliche Autorität Goldzihers auch politisch instrumentalisiert und vertiefe hierdurch die bestehende Spaltung zwischen Traditionalisten und Modernisten in der arabischen Welt. Dr. Hanan Harif (Hebrew University) thematisierte die Kritik – zionistischer und nicht-zionistischer – jüdischer Orientalisten an dem Blick führender Zionisten auf den arabischen Nahen Osten.

Die Abschlussdiskussion besaß eine besondere Dynamik, weil es galt, die beiden in der Konferenz deutlich gewordenen Tendenzen im Werk jüdischer Orientalisten aus heutiger Sicht zu gewichten – gewiss mit zahlreichen individuellen Einsichten, aber ohne einen allgemeinen Konsens. Es ist das Ziel der Organisatoren der Konferenz, diese Diskussion auch nach der Konferenz fortzusetzen und diese zusammen mit den Vorträgen in einem Konferenzband der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

(Ottfried Fraisse)