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Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
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Summer School Jerusalem

   Bericht zur Summer School 2013 in Jerusalem:

 "Teaching Religious Traditions - Concepts of Knowledge in Religious Traditions and Modern Societies"

GKR 1728

 

 

1.10.: 16:05 Ankunft in Israel

2.10.: 8:00 bis 16:00 - Altstadtführungmit mit Prof. Jackie Feldman

Thema: "Earthly Jerusalem - The Consecration and Contestation of Sacred Space"

Um 8 Uhr morgens begann die Summer School mit einer ganztägigen Altstadtführung in Jerusalem unter der Leitung von Prof. Jackie Feldman, Senior Lecturer am Institut für Soziologie und Anthropologie an der Ben Gurion Universität in Beer Sheva. Den Schwerpunkt der Führung hat das Thema, das Prof. Feldman für das Graduiertenkolleg ausgewählt hatte, treffend eingefangen: "Earthly Jerusalem - The Consecration and Contestation of Sacred Space".

Die Stationen der Besichtigung waren: Haram esh-Sharif („Tempelberg“), die Klagemauer, die Via Dolorosa, die Grabeskirche, das jüdische Viertel, der Zionsberg, die Davidstadt mit einer 3-D-Präsentation sowie der Siloam-Tunnel.

Klar erkennbar war es das wissenschaftliche Ziel von Prof. Feldman, die Vielfalt religiöser und vor allem politischer Hintergründe dieser weltbekannten Orte zu zeigen. Es wurde unmittelbar deutlich, dass im Laufe der Jahrtausende das schwierige Zusammenleben dreier monotheistischer Religionen in einer einzigen Stadt für deren urbane und architektonische Komplexität in erheblichem Umfang mit verantwortlich ist.

Prägend für die Altstadt ist die spürbare Präsenz des gelebten Glaubens. Der Glaube an die religiösen Erzählungen nahm in den Gedanken der Studienreisenden Gestalt an, wo er durch die Essenz dieser einzigartigen Stadt in die Vergangenheit zurückreisen ließ. Geschichte wurde greifbar und der Glaube gelangt in die Dimension der Wirklichkeit. Genau das, die Historie, machte den Ort so magisch, so heilig und für die Gläubigen dreier Buchreligionen so verehrungswürdig.

Die Altstadt mit dem - irritierend und faszinierend zugleich - jüdischen, christlichen, armenischen und muslimischen Viertel ist von einer Mauer umgeben. Im islamischen Viertel befinden sich auf dem Tempelberg (al-ḥaram aš-šarīf‚ "das edle Heiligtum"), der Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Den Überlieferungen zufolge sollte Abraham seinen Sohn Isaak an diesem Ort opfern, aber auf genau dem gleichen Felsen soll auch der Prophet Muhammad seine nächtliche Himmelsreise angetreten haben. Auch eine christliche Kirche befand sich zeitweilig auf dem Tempelberg (Marienheiligtum). Einige hundert Meter weiter sind die Treppen Richtung Klagemauer zu sehen, welche zur anderen Seite des Tempels führen - ein Ort, der in dem Gebet der Juden seine höchste Intensität erreicht. Auffallend ist, dass man der Mauer aus Respekt nicht den Rücken kehrt. Juden, Christen und Muslime verbinden mit dem Tempelberg viele bedeutende Ereignisse in ihren religiösen Überlieferungen. Die Stadt al-Quds - Jeruschalajim – Hierosolyma spiegelt nicht nur Multireligiosität, sondern auch Multikulturalität wieder.

Einige hunderte Meter weiter verkörpert die Grabeskirche beispielhaft die Komplexität des Binoms Religion-Politik. Allein hier sind sechs christliche Konfessionen (griechisch - orthodox, römisch - katholisch, armenisch - apostolisch, syrisch - orthodox von Antiochien, koptisch und äthiopisch-orthodox) vertreten und sowohl der Besitz der Kirche als auch das Beten sind genau geregelt. Jeder Änderungsversuch der in der Vergangenheit festgesetzten Aufteilung (status quo) führt zu Streit oder manchmal sogar zu Prügeleien zwischen den Mönchen. In dieser Stadt heiße Religion, sagte Prof. Feldman, vor allem Anspruch auf den Besitz jedes noch so kleinen Platzes, der einer Religion oder Konfession ermöglichte, sich zu verwurzeln und ihre Anwesenheit zu manifestieren.

Die vorletzte Station auf unserer Führung war eine 3D-Präsentation zur jüdischen Besiedlung der Davidstadt. Mit beeindruckendem technischen Einsatz möchte der Film vor Augen führen, dass die Hebräer aus kleinen Anfängen und gegen zahlreiche Bedrohungen von außen die Davidstadt kontinuierlich bewohnt haben und im Laufe der Zeit bis heute immer zahlreicher geworden sind. Wie wir aus der anschließenden Diskussion über die Präsentation erfuhren, ist diese von zionistischen Verbänden finanziert und entworfen worden.

Zum Abschluss der Altstadtführung durchwateten wir den knapp 500 Meter langen Siloam-Tunnel.

(Fatma Aydinli und Alessandro Aprile)

 

2.10.: 18:30 bis 20:00 - Treffen mit Rabbiner Levi Weiman-Kelman: Einführung in den Gottesdienst der Reformgemeinde Kol HaNeshama

Nach unserem spannenden Altstadtbesuch konnten wir am Abend unseres ersten Summerschooltages in Jerusalem den Rabbiner Levi und seine Reformgemeinde Kol HaNeshama kennenlernen. Der Rabbiner begrüßte uns im einladend offenen Raum der Synagoge, der bereits manches von den Überzeugungen der Gemeinde widerzuspiegeln schien. Zentrale Grundsätze, so erklärte Rabbiner Levi, sind v.a. die Gleichheit aller Menschen, Pluralismus und soziale Gerechtigkeit. Ausdruck dieser Grundsätze ist der egalitäre - Männer und Frauen sitzen gemischt - Gottesdienst in der Gemeinde, aber auch die von den Gemeindemitgliedern und ihrem Rabbiner organisierten Bildungsangebote. Der Besuch einer weitgereisten Gruppe sei, so der Rabbiner, nichts Ungewöhnliches für die Gemeinde.

Er stellte uns die zentralen Elemente des Shabbatgottesdienstes vor und erklärte uns die Einrichtung der Synagoge, an die auch Seminar- und Lehrräume der Gemeinde angegliedert sind. Die Mehrzahl der Gebete wird in den Gemeinden gesungen vorgetragen. Vom Rabbiner lernten wir einen kurzen, melodischen Kanon, den die Gemeinde in jedem Gottesdienst singt (כל הנשמה תהלל יה הללו יה, "Alles, was atmet, lobe den Herrn, Halleluja" Psalm 150,6). In Bezug auf diese Zeile erklärte er uns, dass dies auch seine Überzeugung sei: In jedem Atemzug könne der Mensch Gott preisen. Es bedürfe dazu keines großen Aufwandes. Etwas Besonders ist das Friedensgebet der Gemeinde, das im Gottesdienst auch in arabischer Sprache rezitiert wird. Inspiriert zu diesem Gebet wurde Rabbiner Levi in Taizé. Der Rabbiner lud uns herzlich zum Erev-Schabbat Gottesdienst ein, in dem wir nicht als Zuschauer, wie er betonte, sondern als Teilnehmer des Gottesdienstes mit den Gemeindemitgliedern zusammenkommen und unseren ganz persönlichen Teil in diesen Gottesdienst mit einbringen mögen.

(Ulrike Kleinecke)

 

3.10.: 9:30 bis 10:30 - Bericht über den Eröffnungsvortrag von Rabbi Dr. Donniel Hartmans im Shalom Hartman Institute (SHI)

Thema: "Judaism: A Religion of Conflicting Values"

Mit dem Ziel, learning bzw. thinking in Shalom Hartman Institute (SHI), machten wir uns am Donnerstagmorgen, den 3.10., gleich nach dem Frühstück auf den Weg zu diesem wichtigen jüdischen Forschungszentrum. Nach einem unterhaltsamen halbstündigen Gang sind wir dort angekommen und wurden von Rabbi Dr. Donniel Hartman, dem Präsidenten des Shalom Hartman Institute, herzlich willkommen geheißen. Zunächst umriss er kurz dessen Ziele und Forschungsschwerpunkte. Das SHI entwickele ein Modell jüdischer Erziehung für säkulare Juden - etwas, was es bislang nicht gabt. Im Wesentliche gehe es darum, Demokratie als einen religiösen Wert zu unterrichten. Anschließend hielt Hartman seinen Einführungsvortrag.

Unter dem Titel „Judaism: A Religion of Conflicting Values“ stellte er anhand von zwei Genesis-Abschnitten exemplarisch das vor, was am Institut grundsätzlich gemacht werde, nämlich das Judentum in einer Art und Weise zu entwickeln, so dass es den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen sei. Obgleich sein Handout noch weitere Bibeltexte enthielt, konzentrierte er sich besonders auf Genesis 18 und 22, welche diese conflicting values innerhalb der Schrift verdeutlichen. Während Abraham in Genesis 18 rebellisch zu sein scheint und mit Gott rechtet, steht dieses Verhalten auf den ersten Blick im scharfen Widerspruch zu Abrahams vermeintlich passivem Gehorsam in Genesis 22 .

An einer Stelle seines Vortrags bezeichnete Rabbi Hartman Genesis 18 als einen wesentlichen Text für das Institut und explizierte anhand dieses Textes die Rolle des Wissenschaftlers innerhalb einer religiösen Tradition. Ihm zufolge wird Abraham in diesem Abschnitt nicht deswegen als gerecht angesehen, weil er sich gegen Gott rebellisch auflehnt, sondern weil er sich selber als Gottes Partner versteht, der vor Gott seine Meinung äußern und mit ihm „auf Augenhöhe“ diskutieren darf. Auf ähnliche Weise sollten sich Wissenschaftler die Aufgabe stellen, „aufzustehen“ und vor Gott als Partner die eigene Tradition zu interpretieren. Die Interpretation der Schriften darf sich also nicht mit der offensichtlichen Absicht bzw. Bedeutung eines Textes abfinden. Vielmehr geht es darum, dem religiösen Text die brennenden Fragen der Gegenwart zu stellen und darin nach Antworten zu suchen. Die Vielfalt an Antworten, die in den Schriften nebeneinander stehen, solle nach Hartman nicht abschrecken, sondern als Chance für die eigene Tradition betrachtet werden. Sie biete der Gesellschaft glaubwürdige Alternativen und ermächtige Menschen dadurch zum Handeln.

Der Vortrag wurde auf eine enthusiastische und überzeugende Weise gehalten, was uns als Einstimmung für den Tag am Institut diente und in die anschließende Diskussion mündete. Diese drehte sich um Fragen wie den Umgang mit Originaltexten (Exegese) bzw. deren Übersetzung, die wissenschaftliche Methode, mit der Hermeneutik betrieben wird, die Rolle des Instituts sowie der verschiedenen Religionen in der israelischen Gesellschaft.

(Leandro Luis Bedin Fontana)

 

3.10.: 10:30 bis 11:00 - Treffen mit Prof. Menachem Fisch am SHI: „Where Judaism does its Thinking?“

Ein erneutes Treffen mit Menachem Fisch, den wir in diesem Sommer schon als unseren Gast in Frankfurt begrüßen durften, bot die Möglichkeit, den anregenden Kontakt und erste Gespräche mit ihm weiter zu vertiefen. Seine Antwort auf die Leitfrage des Vortrages – „Where Judaism does its Thinking?“ – hat Fisch unter Bezugnahme auf den auffällig dialogischen Charakter des Talmuds entfaltet. Am Beispiel der talmudischen Diskussionen zwischen der Schule der Hilleliten und der Schammaiten lasse sich zeigen, dass der Talmud keineswegs darauf abziele, eindeutige Lehrsätze kanonischen Ranges über das Gute und Wahre festzuhalten, sondern vielmehr ausgeprägte Diskussionen dokumentiere, die außer im Falle einiger Halachot nur auffällig selten in einem Konsens münden. Auch wenn in den meisten Passagen des Talmuds die Schule Hillels den Vorzug bekommt, wurde von den Redaktoren des Talmud nie die kritische Stimme der Schammaiten ausgeblendet. Vielmehr schließe ein Plädoyer für die Position Hillels ein, dass die Begrenzungen der eigenen Sichtweise und die Notwendigkeit eines kritischen Gegenübers in fundamentaler Weise eingeräumt werden müsse. Die dialogische Struktur des Talmuds spiegele hier die (auch allgemein wissenschaftstheoretisch relevante) Beobachtung wider, dass nachdrücklicher Einspruch „von außen“ und dessen Rezeption unabdingbar dafür ist, dass die Vitalität und Funktionsweise etwa einer halachischen Schule gewährleistet werden könne: "Dialogue is not a matter of being convinced but becoming destabilized". Mit Blick auf die Ausgangsfrage, denke - etwas unscharf gesagt - das talmudische Judentum in einer angemessenen Weise also nur im kontroversen Gespräch.

Die durchaus folgenreichen Implikationen dieser Beobachtung zeigen sich beispielsweise dann, wenn etwa die in der Neuzeit drängende Frage bedacht wird, wie ein religiöser Dogmatismus vermieden und gleichzeitig an religiösen Vorstellungen festgehalten werden kann. Aus der Perspektive Fischs ist ein Judentum nach dem Vorbild der talmudischen Dialoge in der Lage, beide scheinbar inkompatiblen Ansprüche in sich zu vereinen. Dies sei darauf zurückzuführen, dass alle relevanten religiösen Auffassungen aus grundsätzlichen Erwägungen offen für Umformung und Korrektur sind. Obwohl hier also ein Dogmatismus in konstruktiver Weise vermieden werden könne, sei diese Herangehensweise der Hilleliten im heutigen Judentum allerdings eine sehr leise Stimme.

(Matthias Ruf)

 

3.10.: 11:15 bis 13:00 - Hevruta und Shiur mit Prof. Moshe Idel am SHI: "Different Ways of Rationalizing Judaism in the Middle Ages"

Moshe Idel hatte für uns eine dreigeteilte Sitzung unter dem Titel "Different Ways of Rationalizing Judaism in the Middle Ages" vorbereitet. Im ersten Teil erläuterte er uns in einem einführenden Referat die innere Dynamik der Abfolge dreier grundsätzlich zu unterscheidender Typen von Rationalität im Judentum: zuerst im rabbinischen Judentum, dann in der mittelalterlichen Philosophie und schließlich in der Kabbala. Die Rabbinen verfolgten ein gemeinschaftliches und soziales Projekt (Philo bilde die große Ausnahme, sei aber von den Rabbinen bewusst ignoriert worden); die griechische Philosophie war dagegen am Individuum interessiert. "'The discourse of the invisible is not productive' as the Rabbis claimed against Greek philosophy". Erst im 9. Jahrhundert, nachdem die Muslime und die Christen die griechische Philosophie adaptiert hatten, taten dies auch jüdische Gruppen. Wie schockierend dies für das rabbinische Judentum war, könne in der Maimonidischen Kontroverse im 13. Jahrhundert in der Provence studiert werden. Die Kabbala sei schließlich in einem dritten Schritt ein Versuch gewesen, mit diesem Schock fertig zu werden. Der Gegensatz zur griechischen Philosophie sei mit Hilfe folgender Strategie erneuert worden: während die Griechen einer konventionellen Auffassung von Sprache anhingen (Sprache als Mittel zur Verständigung), haben die Kabbalisten die Sprache als eigenständige Macht konzeptionalisiert. Gegen die muslimische Behauptung des einzigartigen Status des Arabischen im Koran hätten die Kabbalisten Sprache an sich zu einer metaphysischen Größe erhoben. Gleichwohl stand für sie die Sprache sowohl mit der partikularen Welt der Mitzvot in Verbindung, als auch wurde von ihnen der Universalismus der Philosophen nicht ignoriert. Die Kabbalisten seinen "complex particularists" gewesen. Durch ihre reinterpretierende Anknüpfung an der mittelalterlichen Philosophie sei diese sogar in der Phase der Kabbalisten dominant geblieben - trotz ihrer Abneigung gegenüber dem griechischen Denken (allerdings repräsentierte im Judentum Maimonides nie den Konsens wie das der Aquinate im Christentum tat).

Im zweiten Teil unserer Einheit mit Moshe Idel fanden sich alle Anwesenden in Dreiergruppen in der Aula ein und diskutierten ausgewählte Passagen mittelalterlicher Kabbalisten (Hevruta). Wir lasen aus Yohanan Alemannos unveröffentlichten Collectanea, aus Elijah da Vidas Reshit Hokhmah (Gate of Holiness, Kap. 10), wie auch Abschnitte von Abraham Abulafia, Isaac ben Abraham und Moses Cordovero.

Im dritten Teil fanden wir uns wieder in der Gruppe zusammen und waren aufgefordert, unsere Leseindrücke unter Leitung von Moshe Idel zu diskutieren (Shiur). Im ersten Text von Yohanan Alemanno zeigte uns Idel, wie Moses von diesem als jemand reinterpretiert wurde, der einerseits die metaphysische Welt der Sefirot und göttlichen Namen kennt, der aber andererseits auch deren (neuplatonische) Emanation durch praktische Kabbala (Gebet, Aussprechen göttlicher Namen) für die Schöpfung übernatürlicher Dinge (Spaltung des Schilfmeeres) zu nutzen wusste. Dieser Text verdeutlichte den Hauptgedanken seines Eingangsreferats, wonach die Kabbalisten die griechische Philosophie unter dem Vorzeichen eines Sprachdenkens vom Kopf auf die Füße gestellt, d.h. von einer individuellen Metaphysik in eine gesellschaftliche Praxis überführt hatten. Eine Variation auf diesen Gedanken bot auch der zweite Text von Elijah da Vida. Das griechische Motiv der "Great Chain of Beings", wobei dort die Richtung dieses Stufenwegs der Natur immer nur von oben noch unten verläuft, wird von Da Vida antiplatonisch von unten nach oben verkehrt. Die Buchstaben der Gebete oder die Buchstaben der Tora stehen über den Mund des Sprechenden wie ineinandergreifende Kettenglieder mit der oberen Welt in Verbindung. Immer wenn Gott Gebete beantwortet habe, dann seien die ausgesprochenen Buchstaben wie Schwingungen einer Kette in die obere Welt übertragen worden. Der Typ der Rationalität in der Kabbala ist nach Idel eine Apotheose des Mundes, nicht des Intellekts.

(Ottfried Fraisse)

 

3.10.: 13:45 bis 14:30 - Dr. Shmuel Herr: „Teaching Religious Texts in Diverse Israeli Contexts“

Den Abschluss des Studientages am Shalom Hartman Institute machte Dr. Shmuel Herr. Er erläuterte die jüdische Arbeitsform des Midrasch, indem er sie in unserer Gruppe auf deutsch erläuterte, anleitete und anschließend deren Methodik analysierte.

Der Begriff 'Midrasch' bezeichnet zweierlei: Zunächst meint Midrasch die unter anderem im Talmud schriftlich überlieferten Interpretationen der jüdischen Bibel, also die sogenannten Midraschim der Rabbinen. Darüber hinaus wird auch eine spezifische Form der Auslegung religiöser Texte heute Midrasch genannt. Diese Begriffsdoppelung zeige, dass jüdische Interpretationsarbeit der Bibel, so Herr, sich selbst auch methodisch vor dem Hintergrund dieser talmudischen Interpretationstradition sieht und bewusst argumentative, rhetorische und inhaltliche Linien zur überlieferten Textinterpretation zieht: Selbst und gerade auch, wenn das Ergebnis einzelner Midraschim Kritik, Reinterpretation oder Widerspruch gegenüber früheren Midraschim ist.

Anhand des Midrasch aus dem babylonischen Talmud (abgekürzt „bT“), Joma 69b, arbeitete Herr die Methode und die argumentativen und sprachlichen Strategien rabbinischer Midrascharbeit heraus. Dabei verdeutlichte Herr, dass der Midrasch im Talmud unterschiedliche Textstellen zueinander in Bezug setzt, um eine an diese herangetragene Fragestellung zu beantworten, bzw. aus verschiedenen Textstellen die Antwort herauszulesen oder zu erstellen.

Die im bearbeiteten Midrasch beantwortete Frage lautete: 'Wie ist Gott korrekt zu adressieren?' Es ist Teil des Studiums von Midraschtexten, die dort beantwortete Frage als Leser zu rekonstruieren. Der vorliegende Midraschtext untersuchte verschiedene biblische Textstellen mit Blick auf seine Frage nach der richtigen Adressierung Gottes: Während Moses drei Adjektive (hebräisch für „groß“, „mächtig“, „furchtbar“/„schrecklich“) für Gott verwendet, werden in diesem Midrasch andere Textstellen hinzugezogen, in welchen Gott jeweils nur mit zwei der drei Adjektiven adressiert wird. Aus dieser unterschiedlichen Adressierungspraxis der verschiedenen Propheten, wie sie in der jüdischen Bibel überliefert wird, entwickelt der Midrasch das Argument, dass Moses, seine Adressierung Gottes und das von ihm ausgedrückte Gottesbild zu korrigieren sei. Die Frage, also in diesem Fall, wie Gott korrekt zu adressieren sei, muss und kann aus dem Argumentationsgang des Midrasch rekonstruiert werden. Mit der Adressierungsfrage verhandelt der Midrasch auch die Frage nach den Attributen Gottes, Gottes in der Bibel beschriebenes Wirken und dem angemessenen Gottesbild.

Anhand des Midrasch aus bT Joma 69b führte Herr eine Mischung unterschiedlicher Argumentationsstrategien im Midrasch vor: Durch sprachliche Mittel stellen sich die Rabbinen in der vorliegenden Midrasch-Textstelle ausdrücklich in eine nachträglich als solche ausgemachte Adressierungstradition der Propheten, indem die Rabbinen diese zu "Weisen" – die traditionelle Bezeichnung für die Rabbinen – erklären und so deren prophetische Autorität für ihre eigene Neuinterpretation der korrekten Adressierung Gottes gegen diejenige Adressierung Gottes durch Moses in Anspruch nehmen können.

Um Textstellen auf neue Kontexte antworten zu lassen, zu entschärfen, neu zu interpretieren und alten Interpretationen zu widersprechen, ließen sich im Wesentlichen, so Shmuel Herr, zwei Strategien in den talmudischen sowie in den heutigen Midraschim ausmachen: Sowohl die Reinterpretation von Textstellen der Bibel als auch der ausdrückliche Bruch mit einer jeweiligen Interpretationstradition. Beide Methoden greifen dabei argumentativ auf prophetische Autoritäten, (auch im Bruch auf) Kontinuitätsbehauptungen und synthetisch zueinander und zu einer Fragestellung in Bezug gesetzte Bibelstellen zurück.

(Eva Bucher)

 

3.10.: 16:30 bis 18:00 - Gedanken zum Treffen mit Rabbi Nava Hefetz – „Rabbis for Human Rights (RHR)“

Thema: "Israel's Declaration of Independence and its Vision: Is it still relevant? Rereadings from Jewish Traditions"

Die Begegnung mit Rabbi Nava Hefetz war für mich persönlich sehr bewegend. Sowohl ihre lebhafte wie eindringliche Beschreibung dessen, was die „Rabbis for Human Rights“ tun und anstreben, als auch die Präsenz ihrer Person, haben mir einen Einblick in eines der verschiedenen „Israels“ und „Jerusalems“ gewährt, welches wohl den meisten Besuchern des Landes unbekannt bleibt. Die praktische Arbeit der Organisation aus Rabbinern verschiedener Kongregationen und Ausrichtungen umfasst die Unterstützung und rechtliche Verteidigung verschiedener Minderheiten und bedrohter Personen in Israel und dem Westjordanland, sowie ein umfangreiches Bildungs- und Präventionsprogramm für Schüler, zukünftige Soldaten der Israelischen Armee, beduinische Frauen u.v.a., und dies entgegen des medial verbreiteten Bildes von religiösen Israelis.

Der Spagat der „Rabbis for Human Rights“ zwischen religiösen, rechtsstaatlichen und demokratischen Überzeugungen, Handlungsweisen und Entscheidungslagen, inklusive der entsprechend diversen Textquellen wie z.B. Tenakh und Talmud, Israels Unabhängigkeitserklärung sowie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, ist erstaunlich und für ein universitäres Publikum, zumal aus Deutschland, zumindest ungewohnt – auch für mich. So zeigte unsere Textarbeit und Diskussion mit Rabbi Nava Hefetz zur israelischen Unabhängigkeitserklärung recht schnell, dass die Verknüpfung der Allgemeinen Menschenrechte und religiöser (jüdischer) Ethik der „Rabbis for Human Rights“ nicht als Unmöglichkeit angesehen werden muss, wie oft im akademischen Kontext behauptet. Zugleich wurde jedoch klar, dass die eigentümlich gedoppelte Position und Aktivität der „Rabbis for Human Rights“ erstens auf der speziellen politisch-religiösen Lage des Landes Israel beruht und sich zweitens Erfahrungen verdankt, die uns als WissenschaftlerInnen nicht immer präsent sind und sein müssen. Somit und drittens ermöglichte uns das Gespräch mit Rabbi Nava Hefetz wieder eine neue Perspektive auf unser Forschungsanliegen, die Theologie als Wissenschaft, zu „erproben“ und zwar in ihrer Verknüpfung mit Fragen der praktisch-politischen Gegenwart.

(Eva Kaminski)

 

4.10.: 10:00 bis 11:30 - Dr. Deborah Weissman - Yedidya-Synagoge

Thema: "Inter-Religious Dialogue: An Israeli Perspective"

Am Freitag, den 04.10.2013 trafen wir uns von 10:00 bis 11:30 Uhr in der Yedidya-Synagoge, Lipshutz St. 12 in Bakah mit Frau Dr. Deborah Weissman, der stellvertretenden Vorsitzenden des Inter-Religious Coordinating Council in Israel (ICCI) zum Thema: „Inter-Religious Dialogue: An Israeli Perspective.“

Zunächst stellte uns Frau Weissman die Yedidya-Synagoge, inklusiv einer kleinen Vorführung des Hauptraumes, vor. Die Gemeinde selbst versteht sich als modern-orthodox und setzt sich hauptsächlich aus Einwanderern englischsprachiger Länder und Europas sowie geborenen Israelis zusammen. Wichtig ist für die Mitglieder eine auf der Halacha basierend geführte Gemeinschaft, die auch feministische und demokratische Grundsätze berücksichtigt. Zu Erev Shabbat sind oft gern gesehene Gruppen aus der ganzen Welt zu Gast, da die Gemeinschaft den Dialog mit anderen Religionen fördern will.

Im zweiten Teil hat Frau Weissman über ihre Arbeit beim International Council of Christians and Jews (ICCJ) referiert. Diese Dachorganisation umfasst insgesamt 38 Organisationen, die sich in erster Linie dem jüdisch-christlichen Dialog widmen.

Dialog bedeutet für die Gruppe in Israel in erster Linie sich auszutauschen, ohne den anderen überzeugen zu wollen und ohne die eigenen Ansichten zu relativieren. Insbesondere auch über theologische Themen wird ausführlich mit verschiedenen Gruppen diskutiert. Der Dialog soll nicht nur an der Oberfläche bleiben, sondern auch in die Tiefe gehen. Ihre Definition von Dialog fasste Frau Weissman so zusammen: „Dialogue is not about agreeing, it's about sharing.“

Sie betonte außerdem, dass für das ICCJ in Israel nicht nur Gespräche zwischen Juden und Christen geführt werden. Auch der Dialog mit Muslimen ist für die Gruppe von großer Bedeutung. Ebenso wird auch der besondere Kontakt mit Palästinensern gepflegt, um über die persönlichen Gespräche dort anzuknüpfen, wo die Politik nicht weiterkommen kann. In diesem Zusammenhang betonte Frau Weissman auch, wie wichtig für sie der Kontakt zu den israelischen Streitkräften ist, die sich beim ICCJ weiterbilden können und die auch theologisch sensibilisiert werden sollen. Dabei steht über allem das Motto: „Seeing God in the face of the other.“

Am Schluss nahm sich die Referentin noch sehr viel Zeit für Fragen und stand uns Rede und Antwort. Sie selbst führt besonders intensiv Gespräche mit anderen Frauen der unterschiedlichen religiösen Gruppierungen. Die Gruppen, in denen sie sich dabei engagiert, bestehen teilweise seit vielen Jahren und widmen sich den verschiedensten Themen aus den Bereichen Politik, Feminismus und Theologie. Die Treffen finden in Israel und weltweit statt.

Zur weiteren Lektüre siehe: www.iccj.org und www.icci.org.il

(Ilona Dombert)

 

5.10.: 13:30 bis 15:00 - Treffen mit Prof. Sami Adwan, Universität Betlehem, Pädagogische Fakultät, Lehrerausbildung

Thema: "Teaching Islam at Palestinan Educational Institutions: Reception of the Other"

Zum Referenten:

Sami Adwan ist Professor für Pädagogik an der Bethlehem Universität. Darüber hinaus ist er Mitbegründer und Leiter des Institutes für Friedensforschung im Mittleren Osten (PRIME). Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. Erziehungswissenschaften in Palästina, Rolle der Bildung in der Friedensarbeit, Religionspädagogik und das Zusammenleben von unterschiedlichen Religionen und Gläubigen.

Prof. Adwan führte aus,

- wie die Lehrerausbildung für den Islamischen Religionsunterricht aufgebaut ist und

- welche Inhalte gelehrt werden

- und stellte sein Schulbuchprojekt vor

An dem Lehrstuhl werden LehrerInnen für die Primar- und Sekundarstufe ausgebildet.

Zu den Inhalten gehört einerseits eine Ausbildung zu den klassischen islamischen Themen:

- Koran & Hadith

- Kalam (Theologie)

  • fünf Säulen des Islam (Glaubensbekenntnis, rituelles Gebet, Pflichtabgabe, Fasten am Ramadan, Pilgerfahrt nach Mekka)
  • Glaubensgrundsätze: Glaube an Gott, Engel, Bücher, Propheten, Jenseits, Schicksal (letzteres ist umstritten)

- Fiqh (islamisches Recht) Bsp.: Das Gebot der Wartefrist (4 Monate und 10 Tage) für die Frau im Falle der Ehescheidung

- Außerdem: Wundercharakter des Koran u. a. hinsichtlich des Verhältnisses zwischen moderner Wissenschaft & Koran. Bsp.: Koranvers über die Trennung zwischen Süß- und Salzwasser.

Das Institut PRIME hat ein Buch herausgegeben: Learning Each Other’s Historical Narrative: Palestinans and Israelis. Es handelt sich um Erfahrungsberichte von palästinensischen und israelischen BürgerInnen zu 3 Themen: Balfour-Deklaration, Krieg 1948, Intifada 1987. Es ist als ein Textbuch für Schulkinder erstellt und soll für die Friedensarbeit dienen. Das Buch wurde für israelische Lehrer/Schüler auf Hebräisch, für arabische Lehrer/Schüler auf Arabisch publiziert. Es liegt auch in englischer Sprache vor. Es ist als Querformat angelegt. Jede Seite ist in drei Spalten aufgeteilt. In der linken Spalte wird der Sachverhalt aus israelischer Perspektive erzählt und in der rechten aus palästinensischer. Die mittlere Spalte besteht aus Linien. Sie ist für die eigenen Kommentare der/des LeserIn reserviert.

Anmerkungen:

- Auf die Frage, ob in der Ausbildung kritische / reflexive Herangehensweisen angewandt werden bzw. ob Studierende an solche Themen herangeführt werden, hat er m. E. nicht eindeutig beantwortet.

- Zu den Anschlägen vom 11. September hielt er es für möglich, dass es sich um eine Verschwörungstheorie handelte. Ich weiß nicht mehr, wie er zu diesem Thema gekommen war.

(Ayse Basol)

 

5.10.: 16:30 bis 18:00 - Treffen mit P. Dr. Nikodemus Schnabel OSB und Dr. Thomas Fornet-Ponse an der Dormitio Abtei

Thema: "Verwirrung auf höherem Niveau - Ökumenische und interreligiöse Herausforderungen in Jerusalem"

Die Dormitio war im Programm dieser Summerschool die einzige christliche Station, die wir zum Gespräch ansteuerten. Der junge, schwungvolle, neu zum Priester geweihte P. Dr. Nikodemus Schnabel OSB und der Studienleiter des Studienjahres, Dr. Thomas Fornet-Ponse, empfingen uns im repräsentativen Saal der Abtei. Ausgerechnet im Rahmen dieser Begegnung kam es zum – ebenfalls einzigen – offenen Konflikt mit dem gastgebenden Gesprächspartner, und zwar gewissermaßen religionsintern, zwischen Christ und Christ. Da dieser Konflikt spannend war, möchte ich ihn wiedergeben. Ich versuche, beide Perspektiven aus der je eigenen Sicht zu beschreiben.

P. Nikodemus begann mit einem „Überblick über Aktivitäten der Abtei“, die er für unser Graduiertenkolleg als relevant und interessant ansah, und erzählte, sinngemäß: Diese Abtei im politischen „Zwischenraum“ zwischen Israel und Palästina habe (und sei) eine einzigartige Chance des Brückenbaus und der Vermittlung an dieser und anderen Grenzen, denn es bäten ihn sowohl hochrangige deutsche Politiker um Führungen durch Abtei und Land, als auch gebe es einen engen, vertrauten Kontakt mit den – in Jerusalem durch Mönche vertretenen – byzantinisch-orthodoxen, orientalischen und anderen Kirchen des Ostens. Dies sei eine „Ökumene der Mönche“, wie sie auf der Ebene des professionellen ökumenischen Dialogs von deutschen Universitäten her niemals aufgebaut werden könne (seine Formulierung: „Wo ein deutscher Professor eine Email schreibt, und vielleicht irgendwann, vielleicht nie, eine Antwort bekommt, kann ich hier einfach vorbeigehen, und es ist gleich von Mönch zu Mönch eine Öffnung und ein Vertrauen da“).

Der deutsche Professor verstand: Der Mann vor mir im Habit empfindet sich als ein über Theologie erhabenes Nonplusultra. Er spielt hier tagelang den Touristenführer für die Prominenz der Bundesrepublik, zählt sich zu den VIPs, und hält zugleich den originären Beitrag der Laien, insbesondere z.B. der in der deutschen universitären Theologie tätigen, nicht für einen integralen und unverzichtbaren Bestandteil einer Ökumenekonzeption. Vielmehr schließt er Laien a priori aus – und wahrscheinlich mit ihnen auch teilweise die Moderne, und jegliche plural und säkular kompatibel aufgestellte Theologie. Er vertritt eine rein binnenklerikale Konzeption von Ökumene, d.h., konsequent zu Ende gedacht, eine ganz kleruszentrierte Ekklesiologie. Und er reagierte nachvollziehbar scharf: „Diese Perspektive, die Sie hier entfalten, ist für mich irrelevant!“

Daraus verstand der Mönch (und formulierte): Der deutsche Universitätsprofessor, sowohl finanziell als auch politisch in sicheren Lebensverhältnissen, erklärt in einer bodenlosen Arroganz erstens mich als Mönch, und zweitens im Grunde den ganzen christlichen Osten, zu dem er nicht wirklich einen Zugang hat, mal eben für irrelevant – zack! Schlimmer als die schlimmste Karikatur eines deutschen Theologen. Und er fügte hinzu: „Mönche sind übrigens sehr oft auch Laien“. Er versuchte zu beweisen, dass er durchaus nicht blind und doof romantisiere: er sehe die schreckliche wilhelminische Architektur dieser Abtei, die ihre eigene, schwierige Vergangenheit mit sich trage als Hypothek, mit der man weiter gehen müsse. Zweimal Selbstverteidigung, aber letztlich nicht primär in eigener Sache, sondern im Interesse einer jeweils als marginalisiert empfundenen großen theologischen „Kultur“.

Es folgten Erläuterungen von Herrn Dr. Fornet-Ponse zum Theologischen Studienjahr, und ein Gespräch mit einigen Studierende des eben eröffneten Studienjahres. Sie hoben besonders die Mischung des Seminarstudiums mit dem Stundengebet, für evangelische Teilnehmende oft die erste Begegnung mit Chorgebet, positiv hervor.

Im Grunde berührte dieses Gespräch denselben Punkt, der Thema des Konflikts gewesen war: Lebensform ist relevant fürs Theologietreiben. Und doch führte er hier nicht zum Konflikt, sondern, wohl ohne, dass diese seltsame Widersprüchlichkeit uns klar wurde, zu interessierten und vertiefenden Nachfragen unsererseits.

Der Besuch schloss mit einem gemeinsamen Stundengebet in der Kirche der Abtei – ein ruhiger, sehr besinnlicher Moment der Reise.

Eigene Reflexion, zwei Gedanken:

1. Mönche und Nonnen sind aus der Perspektive christlicher Theologie in lateinischer Tradition oft Teil der Kirchendisziplin, der kirchlichen Sonderwelt, assoziiert mit der Macht der Hierarchie. Aus der Perspektive byzantinischer und orientalischer christlicher Tradition hingegen sind sie eher ein antihierarchisches Element, nahezu anarchisch, oft sogar eine Komplementärgeistlichkeit, die zugleich viel mehr Bedeutung für ihre Kirchen hat, als – jedenfalls heute – Ordensleute als solche innerhalb der Kirchen lateinischer Tradition haben. Theologie als Wissenschaft steht für den „christlichen Osten“ unter lebensweltlich anderen Bedingungen (Lebensform, politisches Milieu, Institutionen) als für die Theologie in lateinischer Tradition. Ist es möglich, und lohnte es sich, darauf zu reflektieren?

2. Streitet man sich z.B. als christlicher Theologe unter den gegenwärtigen Prinzipien „in den eigenen Reihen“ leichter, als interreligiös – weil man die Differenzen bis zur Ebene der Wahrheitsfrage schneller zu erfassen meint, und, auch in einem produktiven Sinne, weniger „höflich“ ist?

(Britta Müller-Schauenburg)

 

6.10.: 10:00 bis 13:00 - Treffen mit Prof. Mustafa Abu Sway, Al-Quds University

Thema: "The Revival of the Islamic Sciences as Ongoing Hermeneutics"

An dem sechsten Tag unserer Summer School fuhr unser DFG-Graduiertenkolleg früh morgens zum Campus Abu Dis der al-Quds-Universität, um an dem Vortrag von Prof. Mustafa Abu Sway (al-Jamal Hall/Science Building) teilzunehmen. Seine zweiteilige Präsentation stellte er unter die Thematik „The Revival of the Islamic Sciences as ongoing hermeneutics“. Diesen Titel scheint er als Experte von Ghazali und dessen Werken, wozu auch sein voluminöses und bedeutendes Werk „Iḥyāʾ al-ʿulūm ad-dīn“/“The Revival of Religious Sciences“ gehört, nicht ohne Grund gewählt zu haben. Der erste Vortrag „tafsīr, taʾwīl and hermeneutics of the Qurʾān“ führte in die Koranexegese ein, wobei einige Methoden angerissen wurden. Sogar die Gematria, die gewöhnlich nicht zu den exegetischen „Methoden“ gezählt wird und unter den Gelehrten ein kontrovers diskutiertes Thema ist, wurde zu den exegetischen Methoden gezählt. Die explizite Differenzierung zwischen den Termini „tafsīr“ ("Erläuterung") und „taʾwīl“ ("Deutung") wurde kaum thematisiert. Abu Sway hat die Kenntnis und die Bedeutung der arabischen Sprache für die korrekte Exegese hervorgehoben, weil sie ein „Garden of Meaning“ sei. Darüber hinaus können die sogenannten eindeutigen (muḥkam) und die mehrdeutigen (mutašābih) Verse u.a. mittels sehr guter Arabischkenntnisse ermittelt und ausgelegt werden. Nach der Pause, in der es Köstliches zu Essen und zu Trinken gab, behandelte er gründlich das Thema der „wissenschaftlichen“ Koranauslegung („Modern Science and the Hermeneutics of the `Scientific Interpretation´ of the Qurʾān“). Zwar sei der Koran kein Buch der Wissenschaften, allerdings beinhalte er Inhalte und Aussagen, die erst später durch die wissenschaftliche Erkenntnis entdeckt wurden. Diese Feststellung soll insbesondere den Wundercharakter des Korans (iʿǧāz al-qurʾān) unterstreichen. Beide Vorträge widerspiegelten mehr die ghazalische Auffassung vom Koran und deren Auslegung als „das“ sunnitische Verständnis des Korans bzw. der koranexegetischen Methoden.

(Mukadder Tuncel)

 

6.10.: 16:00 bis 17:30 - Treffen mit Yaakov Meir von ALMA, Home for Hebrew Culture

Thema: „From Reading the Text to Reading the Self”

Das in Tel Aviv ansässige und 1996 gegründete Beit Midrash ALMA hat sich zur Aufgabe gemacht, das Lesen und Studieren von klassisch jüdischen Texten wie Talmud und Tora, aber auch von Werken der modernen Literatur gleichermaßen als Elemente der hebräischen Kultur wiederzubeleben und einer breiten Zuhörerschaft zu vermitteln, unabhängig von ihrem weltanschaulichen oder religiösen Hintergrund. Yaakov Meir, den wir in der Synagoge der Kol HaNeshama Gemeinde begrüßen durften, betonte, dass es in diesem Textstudium vor allem darum gehe, den ganz persönlichen und individuellen Zugang zu den Texten zu eröffnen und zu fragen, welche Bedeutung der Textinhalt für jeden einzelnen besitze. So werden in den Kursen von ALMA auch die verschiedenen Perspektiven zu diesen Texten lediglich nebeneinandergestellt, um die Pluralität der Meinungen zu erfassen, die von ALMA als wesentlicher Bestandteil der jüdischen Identität begriffen wird.

Unter Anleitung von Yaakov Meir konnten wir dieses Studium für uns erproben. In kleinen Gruppen bearbeiteten wir den Bibeltext Gen 1,1 – 6,8, d.h. den Abschnitt, mit dem der einjährige Lesezyklus der Tora gerade begonnen hatte. Wir überlegten uns, welche Erkenntnisse wir durch den Text über das biblische Schöpfungsereignis erhalten, v.a. aber welche Fragen der Textabschnitt aufwirft. Mit Hilfe des rabbinischen Kommentars Bereshit Rabba und seiner Deutung von Gen. 1,1 durch Sprüche 8,30f. diskutierten wir dann, welche dieser Fragen beantwortet werden konnten. In unserer auswertenden Diskussion zur Textarbeit ging es vor allem um die Vorstellung der Tora als Weisheit. In diesem Fall hätte Gott die Welterschaffung nicht nach uneinsehbaren Gesetzen ausgeführt, sondern wäre, wie der Midrash meint, selber an die Tora als (weisen) Plan gebunden gewesen. In diesem Textstudium konnten wir einen interessanten und anregenden Einblick in die Arbeit des Beit Midrash von ALMA erfahren, der vor allem in der kreativen Diskussion mit unseren ganz individuellen Fragen und Perspektiven auf den biblischen Text, jenseits feststehender Lehrmeinungen gewinnbringend und wertvoll war.

(Ulrike Kleinecke)

 

7.10.: 9:30 bis 11:00 - Treffen mit Rabbiner Dr. Binyamin Lau in der Ramban Synagoge

Thema: "Tikkun Olam. Abraham Stood before the Lord. From Abraham before the Forefathers to Abraham Yehoshua Heschel"

Am Montagvormittag, den 7. Oktober 2013, traf die Gruppe mit Rabbiner Dr. Binyamin Lau zusammen. R. Lau steht der orthodoxen Ramban-Synagoge vor, ist Direktor des Center for Judaism and Society und des Institute for Social Justice at Beit Morasha, und ist nicht zuletzt Sohn des ehemaligen ashkenazischen Oberrabbiners Israel Meir Lau.

Als Ausgangspunkt für die Textarbeit, die Lau mit „Tikkun Olam. Abraham stood before the Lord. From Abraham before the Forefathers to Abraham Yehoshua Heschel“ überschrieben hatte, orientierte sich dieser an den Auslegungen zum aktuellen Wochenabschnitt "Noah" (Genesis 6,9 - 11,32; Haftarah: Jes. 54,1–55,5). Hierfür hatte Lau ein Handout mit kommentierenden Stellen aus dem Midrash Bereshit Rabba, dem Babylonischen Talmud, über den Lubliner Rabbiner Zadok Hacohen bis hin zu Abraham Y. Heschel vorbereitet. Zunächst sprach Lau ausführlich darüber, dass von Noah in Genesis gesagt wird, "Noah ging mit Gott" (Gen 6,9), dass Gott aber zu Abraham sagt: "gehe deinen Weg vor mir" (Gen 17,1). Von dem Unterschied zwischen "gehen mit" und "gehen vor", auf den der Midrasch hinweist, sagt Lau, dass Noah wie ein Kind mit Gott ging und ohne zu fragen Gottes Befehlen gehorchte. Gleichzeitig erklärt er, dass der Ausdruck "Kinder Noahs" (Bene Noah) in der jüdischen Tradition die nicht-jüdischen Völker bezeichnet. In Verallgemeinerung des Midrasch folgert Lau, dass die Gojim wie Kinder mit Gott gingen. Anders hingegen verhielt sich der jüdische Stammvater Abraham, der beispielsweise bei der Vernichtung Sodom und Gomorras mit Gott über die Rettung der Gerechten der Stadt verhandelte. Dieses Aushandeln oder gar stete Lernen des Umgangs mit den Situationen, in die Gott sein Volk seither stellte (und stellt), spiegele sich in der Formulierung "gehen vor Gott" wider. Dieses Sich-Vor-Gott-Stellen sei bis heute eine Eigenschaft des jüdischen Volkes, so Lau. In derselben Bedeutung institutionalisierte Abraham nach Talmud Bavli Berachot 26,2 oder Sanhedrin 44,1, aber auch nach R. Zadok Hacohen die Amidah (hebr. für "Stehen"), das zentrale Gebet des Judentums, das stehend (vor Gott) gesagt wird. Insbesondere R. Zadok Hacohen, so betonte Lau, hebe das Bedürfnis Abrahams hervor, selbst zu entscheiden, wie der göttlichen Wege zu beschreiten seien.

In der Diskussion wurde die Übertragung der Deutung, dass Noah „mit Gott“ geht und dies heiße, er gehorche Gott gleichsam bedingungs- und willenlos, auf die Noachiden hinterfragt. Daneben wurde Abrahams Rolle als Figur und Vater aller drei monotheistischen Religionen – nicht nur der jüdischen – erörtert. Schließlich wurde mit Blick auf den Abschnitt von Abraham Y. Heschel, eine mit Abraham in der Tora thematisierte Neuerung besprochen: „Gerechtigkeit als verpflichtend für Gott selber“ (Heschel) und nicht nur als seine Forderung an Dritte. Lau zog hier Parallelen zur aktuellen politischen Situation in Israel, in der man bis heute – wie Abraham vor Gott stehend und Gerechtigkeit einfordernd – stetig aushandle und lerne.

(Miriam Thulin)

 

7.10.: 13:30 bis 15:00 - Workshop mit Prof. Dr. Shimon Gesundheit, Senior Lecturer am Fachbereich Bibelwissenschaften der Hebrew University, Jerusalem

Thema: "Bibelwissenschaft und traditionelle Schriftauslegung in Israel heute"

Das Graduiertenkolleg 1728 verbrachte die Woche vom 01.-07. Oktober 2013 anlässlich der Summerschool in Jerusalem, Israel, und organisierte eine Reihe von geführten Besuchen, Sessions und Workshops zum Thema: ‚Teaching Religious Traditions - Concepts of Knowledge in Religious Traditions and Modern Societies‘.

Neben einer Führung durch die Altstadt von Jerusalem mit Fokus auf die Geschichte und politischen Konzepte der baulichen Zeugnisse der drei monotheistischen Religionen und ihrer über eintausendjährigen Geschichte, lag der Schwerpunkt des gemeinsamen Lernens und Entdeckens auf den Fragestellungen: ‚Teaching Religious Traditions‘ undConcepts of Knowledge‘ in den Religionen.

            Ein Umfangreiches Vortrags- und Besuchsprogramm durch Synagogen, Kirchen, Universitäten und islamischen Hochschulen bot Einblicke in die unterschiedlichsten Lehr- und Lerntraditionen vor allem des modernen Islam und Judentums. So besuchten die Teilnehmer der Summerschool am 7. Oktober 2013 das Department of Bible der Faculty of Humanities der Hebrew University auf dem Har-Hazofim / Mt. Scopus.

            Prof. Shimon Gesundheit empfing die Gruppe im Hauptgebäude der Universität und

 hielt eine Vorlesung mit dem Titel: ‚Bibelwissenschaft und traditionelle Schriftauslegungin Israel heute.‘ Sein eigentliches Thema war jedoch die Geschichte der modernen (orthodoxen) Bibelwissenschaften in Israel (Jerusalem) als Synthese der traditionellen jüdischen Schriftauslegung und einer modifizierten historisch-kritischen Methode.

Das Thema war für die meisten Teilnehmer des Graduiertenkollegs – obwohl fremd – doch von besonderem Interesse, da es zum einen das Erkenntnisziel der Summerschool Teaching Religious Traditions - Concepts of Knowledge‘ geradezu ideal bediente, und zum anderen die sehr eingeschränkten Kenntnisse zum Curriculum des akademischen Lernens und Lehrens im Judentum in seinen historischen (deutschen und israelischen) Kontexten erläuterte. Gleich die einführenden Erläuterungen von Prof. Shimon Gesundheit warfen bei Teilnehmern Fragen auf wie: ‚was ist Miqra‘ als Fach?, wo sind die Unterschiede zu ‚AT‘?, was ist ‚modern orthodox‘? und was lernen orthodoxe jüdische Akademiker im Unterschied und zu ultra-orthodoxen Haredim oder Liberalen oder christlichen Theologen? All das konnte und sollte nicht umfassend geklärt werden, sondern bildete lediglich den Frage-Horizont für die nun folgende Stunde zur Geschichte und zum Stand der Bibelwissenschaften an der Hebrew University.

Die moderne jüdische Bibelwissenschaft entwickelte sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als Antwort auf die protestantische Herausforderung der historisch-kritischen Methode (de Wette, Ewald, Graf, Wellhausen) und der Urkundentheorie zum Pentateuch. Die deutsche Orthodoxie reagierte mit einer illustren Auswahl von Rabbinern und Wissenschaftlern, wie Samson Raphael Hirsch, Jakob Zvi Mecklenburg, Naftali Zvi Jehuda Berlin, Abraham Geiger, Leopold Zunz, David Zvi Hoffmann und Benno Jacob, die zunächst durch Apologetik später in linguistischen und historischen Analysen die Thesen Wellhausens zur Komposition des Pentateuch zurückwiesen oder in Ausnahmefällen modifizierten und ergänzten. Es ging, so Prof. Shimon Gesundheit, für die jüdische Bibelwissenschaft des 19. Jahrhundert um nicht weniger als die Rückeroberung des Textes und die Rückeroberung der Deutungshoheit über ihn.

Wissenschaftlich gebildete Männer wie Abraham Geiger, Leopold Zunz oder Heinrich Graetz waren durchaus bereit, Einzelergebnisse der historisch-kritischen Methode anzuerkennen, aber nicht die vollen Konsequenzen zur Komposition des Pentateuchs oder gar die Autorschaft Mose oder die Einheit des Pentateuch in Frage zu stellen.[1] Die höhere Kritik des deutschen Protestantismus wurde insgesamt abgelehnt und als eine höhere Form des modernen Antisemitismus verstanden.

Gleichwohl konnte die deutsche Orthodoxie die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung nicht ignorieren und sich in die heimischen und unangreifbaren Gefilde der jüdischen ‚Tradition‘ flüchten. Die erstrebte und bereits erreichte Emanzipation als preussische Staatsbürger jüdischen Glaubens forderte auch die wissenschaftliche Emanzipation an den deutschen Universitäten. So bildete sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts um Leopold Zunz und Abraham Geiger ein Zirkel, der sich später als Wissenschaft des Judentums‘ etablieren sollte und sich noch nicht primär mit der Bibel aber mit den nachbiblischen Zeugnissen des Judentums wissenschaftlich beschäftigte.[2]

Zunz und Geiger (‚Urschrift und Übersetzung‘) bereiteten eigentlich den Weg einer modernen jüdischen Bibelwissenschaft, waren jedoch mit ihren Mitstreitern weit vor ihrer Zeit. Die Gegner der Moderne und ‚Retter der jüdischen Integrität des Pentateuch‘formierten sich gerade. So begann mit David Zvi Hoffmann,[3] der ab 1899 Rektor des Berliner Rabbiner-Seminars wurde, eine Entwicklung, die sich bis in die heutige Zeit als intellektuelle Abwehrschlacht der orthodoxen jüdischen Idee der ‚Integrität der Torah‘ gegen moderne Relativierung und Partitionierung fortsetzt. David Hoffmann, der als Nachfolger Hildesheimers ab 1918 ordentlicher Professor am Seminar in Berlin war, setze sich nicht nur kritisch mit den Ergebnissen, sondern auch mit den Methoden der historisch-kritischen Forschung auseinander. Sein zweibändiges ‚Deuteronomium‘ und vor allem die programmatische Schrift ‚Die Wichtigsten Instanzen gegen die Graf-Wellhausensche Hypothese‘ machten ihn zur Leitfigur der jüdischen Kritik.

Im Kielwasser von David Hoffmann und der von ihm etablierten Schule und im Zuge der Gründung der Hebräischen Universität in Jerusalem im Jischuw des britischen Palästinas und der neu zu organisierenden Bibelwissenschaft entwickelte sich unter den ambivalenten Einflüssen vornehmlich deutscher akademischer Gepflogenheiten und zionistischer Alt-Neuland-Erwartungen die eigentümliche Melange der israelischen Bibelwissenschaften mit Vertretern wie N. H. Torczyner, Umberto Moshe David Cassuto, Moses Hirsch (Zvi) Segal, Yeheskel Kaufmann und Moshe Greenberg.

Ihren vielleicht radikalsten und prägendsten Vertreter, Yeheskel Kaufmann,[4] wollte uns Prof. Shimon Gesundheit zu Gunsten von Cassuto und Seligman unterschlagen. Yeheskel Kaufmann, der ab 1928 in Palästina Bibel unterrichtete, ab 1949 als Professor für Bibel an der Hebrew University amtierte, war ein radikaler Gegner Wellhausens. Kaufmann ging aber in seinem Hauptwerk ‚Toledot ha-Emunah ha-Israelit‘[5] den entgegengesetzten Weg wie David Hoffmann. Er erkannte die von Wellhausen im wesentlichen identifizierten Quellen im Pentateuch (J, E, P, D) an, sortierte sie aber neu: mit P als vorexilische Quelle. Er versuchte zu beweisen, dass die jüdische Religion signifikante Alleinstellungsmerkmale gegenüber jeder anderen Religion mit monolatrischen Tendenzen aufweise, und der gesamte israelitische Monotheismus der originalen mosaischen Intuition entstamme.

Diese Strategie, nützliche Teile Wellhausens und der historisch-kritischen Forschung (Diskurs, Ergebnisse, Quellen, Kalender, Kategorien) einfach zu adaptieren und das Kaufmann‘sche Dogma der Antiquity of P bleiben als stetes und bis heute gültiges Element der orthodoxen Bibelwissenschaft bestehen. Sämtliche Epigonen Kaufmanns blieben diesem Grundsatz treu und versuchten den Spagat zwischen religiöser Überzeugung und wissenschaftlicher Erkenntnis. Neben Moshe Greenberg waren es vor allem Nahum Sarna und Menahem Haran, die als echte Kaufmann-Schüler die moderne israelische Bibelwissenschaft prägten.

Prof. Gesundheit rundete seine subjektive Einschätzungen der für Israel prägenden Etappen für die Bibelwissenschaften noch mit einem kurzen Exkurs zu Benno Jakob ab, der für die deutsche Nachkriegsrezeption der jüdischen Wellhausen-Kritik übrig blieb. Der Rabbiner, Anti-Zionist, Wissenschaftler und Gründer der schlagenden Verbindung ‚Viadrina‘, der in Göttingen[6] und Dortmund als Rabbiner amtierte und zuletzt in Hamburg und ab 1938 London lebte, lehnte die protestantische Bibelkritik als anti-semitisch, kurzsichtig und unlogisch ab. In seinen beiden Kommentarbänden zu Genesis (1934) und Exodus (1997) und in seinem Werk ‚Der Pentateuch, exegetisch-kritischeForschungen und Quellenscheidung und Exegese im Pentateuch‘ setzt er sich intensiv mit Wellhausens Methoden und Ergebnissen auseinander und kommt zu völlig anderen Ergebnissen. Der Pentateuch stamme zwar nicht von Mose, aber von einem Redaktor ab, bilde aber eine literarische Einheit. Die Suche nach den Quellen innerhalb des Pentateuch als auch die Suche nach dem ‚Urtext‘ sei eine nutzlose und hypothetische Übung. Benno Jacobs Hauptwerk, der Genesis-Kommentar, wurde nur von wenigen Zeitgenossen ausreichend gewürdigt, vor allem von Umberto Cassuto, den er nach seiner Palästina-Reise 1934 in Rom besuchte und der den Geist und die Ergebnisse Jacobs mit zurück nach Palästina und in die frühe israelische Bibelwissenschaft brachte.

So waren es komparatistische Methoden der sehr späten Kaufmann Schüler, wie Abraham Malamat und Moshe Weinfeld, die die Tore für die moderne Assyriologie, Orientalistik und Archäologie öffneten und für die israelische Bibelwissenschaft die Moderne einläuteten. Jüdische Wissenschaftler, so Prof. Shimon Gesundheit, bestimmen einen akademischen Diskurs im Fach Hebrew Bible, der kein jüdischer Binnendiskurs mehr ist, denn die Akteure haben sich von den ‚protestantischen‘ und ‚jüdischen‘ Fragestellungen des 19. Jahrhunderts emanzipiert. Wissenschaftler wie Menachem Cohen, William Hallo, Peter Machinist, Emanuel Tov, Moshe Goshen-Gottstein oder Avi Hurwitz folgen zwar keinen orthodoxen Dogmen des 19. Jahrhunderts mehr und haben oft ganz außergewöhnlich wichtige Beiträge für die Wissenschaft geleistet, spielen aber in der aktuellen ‚Pentateuch-Forschung‘ nur eine Neben-Rolle. Sie alle haben kein Modell für die Pentateuch-Forschung erschaffen, sondern kritisieren nach wie vor Einzel-Positionen der Forschungsergebnisse, die sich im Wesentlichen seit Wellhausen nicht geändert haben. Bei aller Buntheit und Kreativität in den wissenschaftlichen Ansätzen bleibt die Integrität des Pentateuch und die vor-exilische Abfassung von P – zumindest aber die Gleichzeitigkeit des Heiligkeitsgesetzes mit D – die alles bestimmende Agenda für die jüdischen Bibelwissenschaft. Ein von Shimon Gesundheit vorgeschlagener holistischer Ansatz‘, der die Bibel als Literatur, Text und religiöses Dokument im Kaleidoskop des Fächerkanons zwischen Jewish Studies, Hebrew Bible oder Assyriologie wissenschaftlich ernst nimmt, scheint der Ausweg für die moderne orthodoxe Bibelwissenschaft in Israel zu sein.

(Kai Petzold, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg & SFB 933 ‚Materiale Textkulturen)

 

8.10.: 14:40 Abflug nach Frankfurt



[1] Es gab sogar jüdische Wissenschaftler, die Wellhausens Forschung vorwegnahmen. So vermutete Markus M. Kalisch bereits 1867 in seinem Leviticus-Kommentar, dass die Priesterschrift später als das Deuteronomium sein müsse.

[2] Zunz arbeite bereits 1832 in seinen ‚gottesdienstlichen Vorträgen‘ die Spätdatierung vieler Psalmen und des Buches Hesekiel heraus und verschob die Kanonisierung der jüdischen Bibel ins 1. Jahrhundert. Er stimmte de Wette in der Datierung des Deuteronomiums und später Wellhausen in der Setzung der Priesterschrift nach Deuteronomium und Hesekiel zu.

[3] Hoffmann studierte von 1866 bis 1870 Philosophie und Orientalistik in Wien, Berlin und Tübingen – wo er 1871 promoviert wurde.

[4] Yeheskel Kaufmann war ein 1889 geborener Talmudist aus der Yeshiva von Rav Chaim Tchernowitz in Odessa. Er studierte in Bern und Berlin und promovierte mit ‚The principle of sufficient reason‘ 1922. Y. Kaufmann war Israel-Preis-Träger.

[5] Kaufmann's vierbändiges Hauptwerk ‚Toldot Ha'Emunah Ha'Yisraelit‘ ist zuerst nur auf Hebräisch erschienen. Auf Initiative der Society of Biblical Literature ist eine abridged Version von Prof. Moshe Greenberg mit dem Titel ‚The Religion of Israel‘ 1960 durch die University of Chicago publiziert worden.

[6]  Benno Jacob lebte zwischen 1891 und 1906 in Göttingen, wo er als Rabbiner amtierte, und war mit Julius Wellhausen persönlich bekannt.