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KONTAKT

 

Sprecher des GRK:
Prof. Dr. Markus Wriedt

Prof. Dr. Thomas M. Schmidt


Koordinatorinnen:

Corinna Sonntag

Dr. Carmen Nols


Anschrift:

Goethe-Universität Frankfurt

GRK Theologie als Wissenschaft
IG-Farben-Haus (FB 06)

Hauspostfach 47

Norbert-Wollheim-Platz 1

60629 Frankfurt am Main

 

Hier finden Sie uns:
Campus Westend
IG-Farben-Haus, Hauptgebäude
Souterrain, Raum 0.153 
C. Nols: 069 798 33343

C. Sonntag: 069 798 33366

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Workshop „Wissensordnungen im Umbruch der Zeiten“

Zu einem Workshop unter dem Thema Wissensordnungen im Umbruch der Zeiten luden das Graduiertenkolleg 1728 sowie die Professur Kirchengeschichte des Fachbereichs evangelische Theologie der Goethe-Universität am Freitag, den 17. Mai 2013 in die repräsentativen Räume oberhalb der Rotunde des IG-Farbenhauses.

Zur Begrüßung führte Prof. Wriedt zunächst den Gast, Zachary Purvis, gegenwärtig Oxford UK ein, der sich im Rahmen seiner PhD-Studien mit Wissensordnungen im Bereich der konfessionellen Theologie zu Beginn des 19. Jahrhunderts, mithin in der ausklingenden Epoche der Aufklärung unter dem Einfluss von Romantik, Sturm und Drang, Idealismus und transzendentaler Philosophie beschäftigt. Zugleich betonte er noch einmal die hohe Aktualität des Themas in Forschung, konkreter Wissenschaftsorganisation unter den Bedingungen der Bologna-Reform sowie des allgemeinen Bildungsdiskurses in einer postmodernen, säkularen und religionspluralen Gesellschaft. Wissen stellte zu allen Zeiten der Geschichte eine wichtige herrschaftslegitimierende, macht- und einflusssichernde Ressource dar. Wissen war über lange Jahrhunderte ein Status- und Standesmerkmal. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Prozesse der Wissensakkumulation, -sicherung und -distribution in enger Verbindung mit komplexen gesellschaftlichen Entwicklungen gegeben. Christliche Theologie innerhalb von Diskursen über ihre Berechtigung, Inhalte, Formationen und Artikulationen, die gleichermaßen von außen, d.h. einem christentumsfeindlichen oder -neutralen, oder auch alternativen Umfeld, als auch von innen, d.h. von alternativen Denkmodellen, Kulturen oder Ausdrucks- und Verhaltensformen her an das christliche Selbstverständnis herangetragen werden.

Workshop WissensordnungenNicht erst seit den Arbeiten Michel Foucaults zur „Archäologie des Wissens“ oder der „Ordnung der Dinge“ wird die Organisation des Wissens historiographisch, freilich sehr stark im Fokus von Machterwerbungs- oder -erhaltungsstrategien erfasst. Die historiographische Forschung vollzieht sich häufig in disziplinärer Beschränkung, chronologischer Eingrenzung und insbesondere im Kontext der frühneuzeitlichen Bildungsorganisation unter utilitaristischer Perspektive der säkularisierenden Professionalisierung. Der Workshop suchte versucht in einer epochenübergreifenden, interdisziplinären Zusammenarbeit das Phänomen der Wissensorganisation konzentriert auf religiös-theologisches Wissen in breiterer Perspektive als dem bloßen Zwang zur Leitungs-Elitenbildung und Professionsforschung zu umreißen. Zugleich werden auch aktuelle Impulse zu identifizieren sein, die zu Veränderungen überlieferter Wissensorganisation zwingen.

Folgt man der jüngeren Säkularisierungsdebatte (etwa bei Charles Taylor) stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Innovation, Moderne und Säkularisierung. Dies besonders vor dem Hintergrund der konfessionellen Differenzierung im 16. Jahrhundert und deren reichs- und territorial-rechtlicher Sicherung und den damit verbundenen Strategien der kontroverstheologischen und konfessionelle Identität legitimierenden bzw. sichernden Wissensvermittlung.

Workshop WissensordnungenZachary Purvis stellte unter der Überschrift: Organizing Knowledge in the Modern German University die Entwicklung der theologischen Wissenschaften seit der Aufklärung um 1750 bis zu den organisatorischen Entwürfen Schleiermachers zur Gründung der Berliner Universität vor. Neben frappierenden Einsichten zu Kontinuität und Konkurrenz bleibender und aktueller Fragestellungen wurde auch noch einmal eindrücklich die Fülle an wissenschaftsorganisatorischen Bemühungen im 18. Jahrhunderts sichtbar. Dr. Johannes Wischmeyer, Mainz, setzte diese Überlegungen im Blick auf die gesellschaftspolitische Dimension der theologischen Ausbildung nach den epochalen, aber nicht per se organisatorisch umsetzbaren Schriften von Schleiermacher fort. Er schlug den Bogen bis zum Ende des Kaiserreiches und der darin fraglosen Bedeutung theologischer Wissenschaft im Kanon der universitären Disziplinen.

Mit zwei Beiträgen aus dem Bereich gegenwärtiger Forschung in dem Schwerpunkt „Ordnungen des Wissens“ der Professur Kirchengeschichte trugen Corinna Eckhardt und Daniel Bohnert zum Thema „Die Universität Wittenberg als Vorbild und Keimzelle europaweiter konfessioneller Wissensvermittlung” vor. Frau Eckhardt untersuchte die Bedeutung Melanchthons für die Wissensvermittlung in der frühen Reformation durch die Einrichtung und lebenslange Betreuung der Mitglieder seiner Hausschule, die sich aus Kostgängern seines Hauses und Tischgästen zusammensetzte. Unter Zuhilfenahme der historischen Netzwerksanalyse präsentierte Frau Eckhardt einen innovativen methodischen Ansatz und erste Ergebnisse ihrer Recherchen. Daniel Bohnert thematisierte die Theologenausbildung in Wittenberg auf der Basis einer kollektivbiographischen Untersuchung der Absolventen der Wittenberger theologischen Fakultät zwischen 1502 und 1650. Dabei war bereits nach ersten archivalischen Tiefenbohrungen zu erkennen, dass nicht nur reiches, bisher kaum untersuchtes Quellenmaterial in den Sammlungen schlummert, sondern auch sich eine – unerwartete – Breite in der Berufstätigkeit der Alumni der Leucorea nachweisen lässt. Ob und in welcher Weise sich das einer spezifischen Ausbildung in Wittenberg verdankt, kann nicht abschließend gesagt werden, wohl aber verdichteten sich Hinweise auf eine derartige These. Der Workshop bot ausreichend Zeit zur Diskussion aller 20 Teilnehmenden Fellows des Graduiertenkollegs wie auch einiges Gäste aus der Universität. Er stellte insofern eine Ermunterung dar, das Thema im Rahmen eines größeren Kongresses im Frühjahr 2015 aufzunehmen und die Forschungen diesbezüglich auch zu intensivieren.

Markus Wriedt